Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1878)
- Date
- 1878-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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-■. J Uyj1 >->2 *t kL.H15^-,; j^u Vj» '• 682 Kele Liblitz hatte eine eigenthümliche Vergangen» heit hinter sich. Sie hatte als junge Frau noch den Gerusch mitgemacht, und dieser war, wie für so viele tausend Unglückliche, auch für ihr ganzes Leben entscheidend gewesen. Sie hatte die Vaterstadt mit einem Gatten und zwei kleinen Kindern verlassen, und alle ihre Lieben in fernem, fremdem Laude begraben. Als den Juden wieder die Rückkehr in die Heimath gestattet wurde, hatte auch die nun ganz Verlassene, Alleinstehende von dieser Erlanbniß Gebrauch gemacht. — Sie war damals eine wunderschöne Frau gewesen und sobald sich nach jener entsetzlichen Katastrophe die Verhältnisse in Prag wieder etwas geregelt hatten, ward die junge Frau von vielen Bewerbern umschwärmt. Allein Kele Liblitz bewahrte ihrem Gatten. wie dies bei edlen Frauen nicht selten zu sein pflegt, die Treue bis über das Grab hinaus, sie blieb unvermählt. Sie hatte bei dem wohlhabenden Nathan Erdmaun, mit dessen Frau sie entfernt verwandt war, ein ruhiges Asyl gefunden. Sie bekleidete im Hause den Posten einer Wirthschafterin und machte sich durch gewissenhafte Erfüllung der übernommenen Pflichten nützlich und angenehm. Als Nathan Erdmanns Frau jung starb, war sie seinem einzigen Kinde Zodok eine treue Pflegerin und dieses liebte sie, als wenn sie seine Mutter wäre. Kele Liblitz hatte im Erdmann'schen Hause eine lauge Reihe von Jahren verlebt und manche Veränderungen in demselben mitgemacht. Zodok war erwachsen, war ein Mann geworden und hatte geheirathet; — aber ihr Verhältniß zu der Familie hatte sich nicht geändert, sie blieb bei dem Sohne genau in der Stellung, in der sie bei dem Vater gewesen, und als auch Zodok Ervmann's Frau, kurz nachdem sie Wilhelminen das Leben gegeben, gestorben, übernahm Kele die Pflege und, wenn man sich so auSdrücken darf, die erste Erziehung der beiden mutterlosen Waisen Markus und Wilhelmine, und die Leitung des gesummten Haushaltes. Mittlerweile war Kele Liblitz eine alte Frau geworden und begann nun auch zu kränkeln; aber trotzdem wollte sie die Lasten, welche das Hauswesen Red ZodokS — dieser hatte in seinem großen Rauchwaarengeschäfte viele Leute, welche nach damaliger alter guter Sitte Kost und Wohnung bei ihrem Dienstherrn hatten — mit sich führte trotz des dringenden Zuredens, nicht von ihren schwachen Schultern wälzen. Aber an ihrem siebzigsten Geburtstage erklärte ihr Reb Zodok, und diesmal mit aller Eutschiedeuheit, daß, nachdem sie seine nun sechzehnjährige Tochter so vortrefflich erzogen und so gründlich in allen WirthschaftSfächern unterwiesen, diese nun die Führung deS Haushaltes übernehme, sie i — Kele Liblitz — aber sich zur Ruhe setzen müsse. Wäre sie noch länger im Hause geblieben, so hätte sie sich's gewiß nicht nehmen lassen, nach wie vor treppab, treppauf in den Keller, auf den Boden, in die feuchte Holzlage, in die kühle WirthschaftS-! kammer, in das heiße Wasch * und Plättezimmer zu laufen, und hätte in dieser Weise ihre schon schwache Brust vollkommen zerstört; und deßhalb hatte der kluge Reb Zodok, um seine wohlwollenden Absichten auch vollkommen durchzuführen, für Kele Liblitz in der Mähe eine kleine nette Wohnung gemiethet, eine treue verläßliche Person als Magd gemiethet und ihr als Pension eine Summe ausgesetzt, mit welcher sie ihre geringen Bedürfnisse reichlich befriedigen konnte. Sie lebte so etwa zwei Jahre ruhig und friedlich, als Reb Zodok Erdmann plötzlich, unerwartet vom Tode ereilt wurde, und gleichzeitig sein ganzes, für jene Zeit nicht unbedeutendes Vermögen entwendet schien, verschwunden war. Ein trauriges Ereigniß führt im Menschenleben in der Regel andere im Gefolge. Kele Liblitz sah sich nun in ihrem hohen Alter plötzlich aller Subsistenzmittel beraubt, und die Geschwister Erdmann hatten sich gerade zu einer Zeit, wo sie gegenseitiger Anhänglichkeit bedurft hätten, getrennt und die damals kaum neunzehnjährige Wilhelmine stand mittellos und verlassen im Leben. Die arme alte Wittwe mußte ihre Magd entlassen und fürchtete am Spatabend ihres Lebens ihr Brod vor fremden Thüren erbetteln zu müssen; Wilhelmine, ein blühendes, wunderschönes Mädchen, bedurfte des Wohlanstandes wegen einer alteren Freundin, mit der sie zusammen lebe» konnte, und so ergab sich der naheliegende Gedanke, daß Wilhelmine zu Kele Liblitz ziehe. Jene nannte diese wie früher Muhme, und die beiden Frauen lebten kärglich von dem Ertrage, den Wilhelminen'S Handarbeiten abwarfen. Diese versicherte die Muhme, daß sie ganz glücklich sei, bei ihr wohnen zu können und Kele Liblitz segnete allstündlich daS herrliche, edle Mädchen, das an ihr handelte, als wäre sie ihre Tochter, (Forschung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Nedaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Stonx'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'» BuchdruSeret (Mainzer Anzeiger).