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Der Israelit · 1878-07-03 · Heft 27 (3.7.1878) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 27 (3.7.1878)
Date
1878-07-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
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664 Wie ich eben höre, haben bereits viele Verhaftungen stattgefunden und soll auch ein Geistlicher festgenommen worden sein. Als Ursache der Excesse geht durch die Zeitungen das Gerücht, ein fanatischer Jude habe sich wegen der Zerstörung der Sabbatdrähte rächen wollen und deßhalb die Procession mit Steinen beworfen. Daran ist kein wahres Wort. Der „O stdeutschen Post" wird darüber Folgendes geschrieben: Von dem Vorhandensein einer Gereizheit auf Seiten der Kalischer Juden kann auch nicht im Entferntesten die Rede sein. Es liegt dafür nicht die mindeste Veranlassung vor. Die mehrfach als Ursache erwähnten Drähte sind nämlich, nachdem sie vor Jahren allerdings in Folge der Verordnung des Gouverneurs entfernt worden waren, vor kurzer Zeit, auf Geheiß des Kalischer Rabbiners selber entfernt worden. Am allerwenigsten aber ist von den Juden eine besondere Veranlassung zu den Excessen gegeben worden. Weder ist für Verletzung eines Altars, noch für eine Störung der Procession, oder für die Verursachung eines Scandals in der Kirche der mindeste Beweis erbracht worden. Dagegen liegen bereits mehrfache Beweise dafür vor, daß die Hetze planmäßig verabredet war. Eine Anzahl Bauern hat in der Voruntersuchung gestanden, daß der Geistliche aus Dubrzec am Sonntag früh, bevor sie nach Kalisch zur Procession gingen, eine hetzende Ansprache an sie gehalten habe. Der Landrath v. Lange hatte sich darum am 25. d. Abends mit 12 Husaren und h berittenen Schutzleuten zur Arretirung dieses Geistlichen nach Dubrzec begeben. Vielleicht wird man dort auch anderer Rädelsführer habhaft. Auch 6 andere Geistliche sind aus der Urheberschaft an den Excessen verdächtig arretirt worden. Ferner beweist die vorherige Planung des Tumultes, daß die Bauern an diesem Sonntag ausnahmsweise in Arbeitsjacken in der Kirche erschienen, ferner das Vorhandensein der vielen Sensen und Keulen bei dem Holzhändker Dombrowski in Kalisch, wo ein förmliches Waffenlager errichtet gewesen zu sein scheint. Der Exceß selber wird uns von unserem Gewährsmanns als ganz entsetzlich geschildert. Und dabei sei viel Unglück durch das energische Einschreiten der Beamten verhütet worden, die eine um so schwierigere Aufgabe hatten, als sie zunächst ohne Unterstützung durch Militär waren. Besonders zeichneten sich hierbei aus der Regierungspräsident von Rybnikow, dem der Arm gebrochen wurde und der außerdem eine Verletzung am Kopfe erfuhr, ferner der commandirende Oberst des Husarenregimentes, dessen Stamm in Kalisch zurückgeblieben war, außerdem der Oberst der Gensdarmerie v. Tietz und RegierungSrath Sawatzki. Unter anderem retteten dieselben auch die zu vielen Hunderten zählenden Kinder in den Schulen — Chadorim — deren Tod sonst sicher war. Eine besonders rührende Scene war es, zu sehen, wie der Husaren-Oöerst ein Kind, welches er nicht anders retten konnte, auf sein Pferd nahm und mit demselben in Sturmeseile durch die Straßen ritt. Sonntag Abend wurde ein Versuch gemacht, die Revolte zu erneuern; durch geeignete Vorspiegelungen wurden indeß die mit Sensen erschienenen Bauern veranlaßt, ihren Angriff auf die Juden zu verschieben — bis das Militär in die Stadt einrückte und ihr die ersehnte Sicherheit brachte. Todte sind muthmaßlich nicht vorhanden, die Zahl der Verwundeten indeß ist groß. Im Uebrigen ist mit fürchterlichem Vandalismus verfahren worden. Selbst die Häuser der angesehensten Juden wurden nicht verschont. Gegenwärtig ist die Ruhe ganz wiederhergestellt; starke Patrouillen und das energische Einschreiten der Behörde haben die Aufständischen — so muß man sie nennen — eingeschüchtert. 200 Verhaftungen sind bereits erfolgt; man erwartet fast ebensoviel fernere, wenn es nicht etwa gelingt, bald der eigentlichen Rädelsführer habhaft zu werden. Porgestern hat man bereits die Schadenabschätzung^ begonnen; doch hat bisher nichts Bestimmtes über deren Resultat verlautet. Zeitungsnachrichten & Correfpondenzeu. Deutschland. Mainz, 27. Juni. Wir haben heute an das Central-Comita der Alliance Jsraälite Universelle zu Gunsten unserer nothleidenden Glaubensbrüder in der europäischen Türkei 1000 Mark — im Ganzen jetzt 5000 Mark abgeschickt. Wir haben ferner an den Herrn Provinzial- Rabbiner vr. Cahn in Fulda für die Hinterbliebenen des ermordeten Plaut 1000 Mark gesandt. Wie wir vernehmen übersteigt der Betrag der Sammlung bereits 5000 Mark. Das Geld wird der betreffenden Frau nicht ausgehändigt werden, das Comite wird vielmehr ein Lauerndes Einkommen für die Hinterbliebenen zu erzielen suchen. — Von Herrn Rabbinats-Assessor Lutomirski in Rotterdam erhalten wir ein ausführliches Schreiben, dessen Hauptinhalt ist, daß der Genannte behauptet, nicht gewußt zu haben, daß die Magdeburger Proselytin einen Kohen habe heirathen wollen. Dem „Nein" des Herrn L. steht das „Ja" unseres Amsterdamer Correspondenten gegenüber.

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