Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XIX. Jahrgang. Zweite Beilage zu tlr. 27 des Israelit. Telegraphische Depesche. Neriirr, 1. Juli. Die Unabhängigkeit Serbiens ist anerkannt unter der Bedingung der Freiheit aller Culte. Die gleiche Bedingung wird für Rumäniens Unabhängigkeits - Erklärung gestellt werden. Leitender Artikel. Die xLrcesse in Kalisch. Posen, 30. Juni. Der „Ostdeuschen Post" wird geschrieben: Ueber die Excesse in Kalisch können wir auch heute unseren Lesern neue Nachrichten bieten. Von einem Au-enzeugen der Vorgänge, welcher erst gestern früh Kalisch verlassen hat, haben wir uns über Alles, was vorgefalle», persönlich unterrichten f'w'yc Drc Mittheilungen trv;n dieser Seite her bestätigen unsere ersten Nachrichten von der Schrecklichkeit der Kalischer Vorgänge bis auf die Zahl der dabei Getödteten. Wesentlich verschied.» dagegen ist hier die Schilderung von Grunde der Veranlassung gegenüber den ersten darüber gemeldeten Nachrichten, während die Depesche in unserem gestrigen Abendblatte dem Inhalte dieser uns persönlich gemachten Mittheiluugen um Vieles näher kommt. Bevor wir dieselben indeß wiedergeben, sei das in anderen Zeitungen vorliegende Material verzeichnet. Es schreibt die ..P. Z ": Ueber die bedauerliche Judenhetze in Kalisck erfahrt unser Korrespondent in Ostrowo von einem Augenzeugen Folgendes: Ich befand mich am Sonntage in Kalisch und besuchte einen am Markte wohnenden Geschäftsfreund. Es war gegen 11 Uhr, als wir an die Fenster traten, um uns die Procesfjon, die um diese Zeit über den Markt kommen sollte, mit anzuseh-n. Ueberall herrschte Ordnung und^Ruhe, auf einmal entstand ein Tumult auf der Straße, der in wenigen Minuten solche Dimensionen annahm, daß die ganze Stadt in Aufruhr zu sein schien. Wie sich aus dem Wogen und Wirren entnehmen ließ, galt die ganze Bewegung der Judenschaft, wie die Sache aber entstanden, wußte und weiß auch jetzt noch Niemand mit Sicherheit anzugeben. Nur so viel steht fest, daß unweit einer Kirche, in der das Hochamt celebrirt wurde, eine Prügelei zwischen einem Judenknaben und mehreren Bauern entstand, daß Bauern in die Kirche gestürzt sind mit dem Ausrufe: „Die Juden haben die Altäre umgestürzt", sie haben nach dem Nanotiosinmm mit Steinen geworfen rc., daß sich darauf die Menge der anwesenden polnischen Bauern, die noch durch Zuzüge von auswärts zu Fuß und zu Pferde, mit Knütteln, Spießen und Heugabeln bewaffnet, vermehrt wurde, zu einer allgemeinen Hetze gegen die Juden anfchickte und, bevor die Behörde einzuschreiten vermochte, eine Menge Verwundungen und Demolirungen an Thürcn, Fenstern, Schaufenstern u. dergl. vorgekommen. Am Aergsten hat die fanatisirte Rotte an der Synagoge ihre Wuth ausgelassen. Bon dieser stehen faktisch nur noch die nackten Wände. Alles im Innern ist demolirt und fortgenommen. Der Schaden an zerstörten und verwüsteten Gegenständen in der Stadt myß beträchtlich sein. Als ich gegen Abend die Stadt verließ, war das Militär in die Straßen vertheilt und die Ordnung wenigstens so weil hergestellt, daß man zur Noth passiren konnte. Insulten kamen noch vor, und vor den Thoren sah man überall Bauern zu Fuß und zu Pferde, die wahrscheinlich auf das Signal zum Einrücken in die Stadt warteten. Es sind sehr viele Verwundungen vorgekommen und auch ein jüdischer Kuhpächter getödtet. — Der Korrespondent der „P. Z." fügt hinzu: Soviel ich aus den mir vorliegenden Mittheilnngen i entnehmen kann, ist das ganze Vorkommniß kein j zufälliges, sondern das Product einer weitverbreiteten Gäbrung unter der polnischen Bevölkerung. Die Ursachen dieser Stimmung lassen sich nicht mit zwei Worten erklären, aber daß diese Gährung weit verbreiiei ist, beweist der Umstand, daß der Fall in Kalisch nicht vereinzelt dasteht; auch an anderen Orten sollen von Seiten der polnischen Bauern Versuche in dieser Richtung gemacht, aber vereitelt worden sein. Ferner haben polnische Bauern nicht allein in der Umgegend von Kalisch, sondern a«ch diesseitige Anwohner bereits acht Tage zuvor von der Sache gewußt und darauf bezügliche Aeußerungen gemacht. Auch haben Dienstboten ihre jüdischen Dienstherrschaften in Kalisch theilweise darauf aufmerksam gemacht und gewarnt rc.