Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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658 geplündert. Das Geheul und den Jammer, den ich mit Worten nicht zu schildern vermag, können Sie sich denken. Auch die evangelischen Christen sind aber vor einem Ueberfall nicht sicher. Man sieht Viele auf preußisches Gebiet flüchten, um dem sicheren Tode zu entgehen. Unter den Flüchtenden sind namentlich viele aus dem nahegelegenen Ostrowo sich geschäftlich hier aufhaltende jüdische Handelsleute, die bedeutende Summen aufbieten, um mittelst eines Wagens schleunigst über die Grenze zu kommen. Man spricht davon, daß heute Abend erst die richtige Judenhatz, „die wilde Jagd", Dor sich gehen wird, indem in die Hauser der Juden eingedrungen werden soll. Wahr ist, was ich anch mit eigenen Augen gesehen. daß Sensen eifrig geschliffen werden; es hat mich dieses lebhaft an Miloslaw und Lions 1848 erinnert. Noch bemerke ich, daß wir zum Unglück gerade ohne jegliche Militärbesatzung sind; unsere Garnison, ein Regiment schwarzer Husaren, ist vor ca. 14 Tagen ausgerückt. Schleunige Hilfe thut dringend nöth. — Ich schreibe Ihnen diese „moderne Judenverfolgung ä la Rumänien" in größte Erle und unter dröhnendem Lärm auf den Straßen. Weiteres stelle ich Ihnen in Aussicht, sobald man sich auf die Straße wagen darf. Feuilleton. Kaiser Ierdinand der Kütige in Uikolsburg. Es ist ein eigenthümliches Gefühl ehrfurchtsvoller Scheu, das'uns erfüllt, wenn wir vor einem Archive stehen; sehen uns doch diese vergilbten Blätter wie Ruinen aus alter Zeit an, aus alter, schwerer Zeit. Dies Gefühl steigert sich zu einem schmerzlichen, wenn wir vor einem jüdischen Archive stehen, denn: was es birgt, ist Trauer, und was es bekundet, ist Schmerz; wer zählt die Thränen, die auf jedes dieser mit dem Schweiß und Blut unserer Vorahnen geschriebenen Blätter, gefallen, und die Zahl dieser Blätter ist Legion. Dennoch sollte man von Zeit zu Zeit Eines davon herausgreifen, wenn auch nur, um unserer Jugend, die so gerne mit den alten Traditionen bricht, die Leiden zu vergegenwärtigen, die unsere Vorfahren um unser heiligen Religion willen zu erdulden hatten. Auf's Gerathewohl also entfallen wir eine dieser Rollen, und finden — nicht was wir dachten, eine Aufzeichnung aus dem schmachvollen Mittelalter, das sich durch das traurige Privilegium ausgezeichnet, dem Judenthum die Dornenkrone des Martyriums auf's Haupt gedrückt zu haben, sondern eine Episode aus unserm erleuchteten-Jahrhundert, aus gar nicht fernen Tagen, um so interessanter für unsere Leser. Sehen wir, was sie enthält: Es war ungefähr um die Mitte der dreißiger Jahre, als Kaiser Ferdinand kurz nach seinem Regierungsantritt auf einer Reise durch Böhmen und Mähren auch Nicolsburg, die damalige Metropole der mährischen Judenschaft, besuchte. Der Tag der Ankunft Sr. Maj. des Kaisers war auf einem Sabbat festgesetzt. Große Vorbereitungen wurden von beiden Gemeinden getroffen, um den Monarchen, der sich durch den Ruf großer Herzensgüte und Humanität die Liebe aller seiner Unterthanen erworben hatte, würdig zu empfangen. Die Stadt prangte im festlichsten Flaggenschmücke, überall Ehrenpforten und Triumphbogen mit sinnreichen Denksprüchen. Auch das Ghetto metamorphosirt'e sich für ein Paar Stunden unter einer Unzahl von Fahnen, Blumen und Emblemen; denn auch in die „Gaffe" sollte der Kaiser kommen. Vor allem Andern aber schön und kunstvoll war die Ehrenpforte, die am Eingänge derselben errichtet war. Erwartungsvoll stand daselbst die ganze Gemeinde, an ihrer Spitze der ehrwürdige Oberlandesrabbincr mit dem Rabbinatscollegium und den Aeltesten der Gemeinde unter einem Bal» dachin, sämmtlich Thorarollen in den Armen haltend. Diesen schlossen sich weiß gekleidete Jungfrauen, mit den Kränzen in den Händen und dem eingelernten Spruch auf den Lippen, an. Der Anblick dieser scenischen Gruppirung gewährte ein stimmungsvolles Bild von Religiosität und Patriotismus. Gespannt waren alle Blicke auf den Punkt gerichtet, woher der Kaiser kommen sollte, und auch kam. Wohlgefällig und freundlich nahm er die obligaten Willkommgrüße entgegen, und tief gerührt und sichtlich ergriffen empfing er die Segenssprüche des greisen Rabbi. Der Monarch dankte mit herzlichen Worten und der Versicherung seiner ferneren Huld und Gnade, und wollte den Weg sortsetzen, als ein uuerwarretes, schreckliches Ereigniß eintrat. Wie ein Blitz aus heiterm, wolkenlosem Himmel ertönte der Schreckensruf: „Feuer! Feuer! In der Judengasse brennt's." Und schon begannen auch die Glocken, die soeben noch zu Ehren Sr. Maj. gelautet wurden, Sturmruf zu läuten, schon färbte sich der Horizont immer mehr und mehr mit jenem dunklen Roth, das stets dem Landbewohner einen entsetzlichen Schrecken einflößt, und die Flammen loderten immer heller und züngelten immer weiter, Alles verzehrend und zerstörend, was ihnen im Wege stand, die mühsam erworbene Habe gan-