Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447774--15091-2471026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
654 Gesichtszüge schienen verzerrt, er hatte mehrmals Zeichen der höchsten Ungeduld gegeben, und mehrmals den Mund geöffnet, als wenn er sprechen wollte, aber seine Lippen schlugen nur lautlos aneinander; — endlich, als Fanni sich gewissermaßen mit einer direeten Frage an ihn wandte, raffte er, auch äußerlich erkennbar, unter großer Aufregung alle seine Kräfte zusammen und entgegnete die Sätze absatzweise hervorstoßend. „Dafür, daß Du mich an den bittersten Moment meines Lebens gemahnt — mißverstehe mich nicht," fügte er rasch hinzu, als wäre eine andere, eine unrichtige Auffassung denkbar, „an jene Stunde, wo ich unverschuldet und unverdient von dem härtesten Schlage, der mich treffen konnte, von dem Verluste meiner kaufmännischen Ehre bedroht war, — sage ich Dir keinen Dank.... Du magst Dir'S wohl vorstellen, daß mir die Erinnerung an diesen bitter durchlebten Tag nicht angenehm sein kann, und als Maßstab für das Mißvergnügen, das mir diese Erinnerung verursacht, mag Dir'S gelten, daß ich meiner vielgelieben Veronika, vor der ich als treuer Gatte kein Geheimniß haben will, doch dieses eine nicht entschleiert hatte — eS hätte keinen Zweck gehabt und ich bitte Euch dringend, wenn ihr mich in der That liebt, dieses Tages, dieser qualvollen Stunden nicht mit einem Worte zu erwähnen, nicht durch die leiseste Andeutung diese Erinnerung in mir zu wecken, und ebensowenig darüber mit irgend einem lebenden Menschen, sei es, wer es wolle, zu sprechen! . . . . ah! . . . . nun zur Erledigung Deiner Frage, was ich gegen Erdmannn einzuwenden habe? als Nebenmensch habe ich nichts gegen ihn, aber als Schwiegersohn will ich ihn nicht, und nicht, daß er mittellos ist, halt mich ab, ihm die Hand meiner Tochter zu geben .... aber es ist nichts mit diesen Erdmanns, glaubt es mir! sie selbst und wer mit ihnen irgendwie verkehrt, wird unglücklich! . . . . Reb Zodek Erdmann geht gesund uud frisch vom Hause zur . . . Tarnower unterbrach sich plötzlich und begann den Satz von Neuem „Reb Zodek Erdmann geht frisch und gesund vom Hause — wohin? wer kann das wissen? — und wird eine halbe Stunde später mit zerschmetterter Brust sterbend in sein Haus zurückgebracht, die beiden Kinder .verlieren ihr Erbe, der Buchhalter wird, wenn auch gewiß mit Recht als Dieb eingezogen und zu langjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, er ist gewiß schuldig, ganz gewiß, — aber ich habe gehört wie die Gefangenen am Spielberg, wo er gesessen, behandelt werden, das ist hart . . * . sehr hart, ich kann eS nicht sagen, wie hart! Eine schwere Kette an Händen und Füßen Tag und Nacht, hat der Unglückliche die besten siebe« Jahre des menschlichen Lebens, inmitten des scheußlichsten Auswurfs der Menschheit verbracht — der Sträfling am Spielberg, wenn er nicht zu schwerer erniedrigender Sklavenarbeit commandirt ist, liegt angekettet wie ein wildes Thier in dunkler Kerkerzelle, in die kein Sonnenstrahl dringt .... ich sag Euch!" schrie Tarnower plötzlich auf — „es war zu hart .... für diesen Reding — aber er war in Erdmanns Hause gewesen und das Schicksal hatte ihn erfaßt und erbarmungslos zu Boden geschmettert .... und die beiden Geschwister Markus und Wilhelmine, statt, daß die beiden einträchtig miteinander leben und in gegenseitiger Geschwisterliebe sich den verlorenen Vater zu ersetzen versuchen sollen, trennen sie sich; das Mädchen hat sein schwaches Herz an den Unglücklichen gehängt und will nicht von ihm lassen, und die beiden Geschwister leben des." Tarnower schien den Ausdruck Dieb oder Verbrecher vermeiden zu wollen, „Buchhalters willen in offenem Unfrieden, haben sich seit Jahren nicht gesprochen, weichen einander, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegnen, aus.Kannst Du'S verlangen, daß ich mein Kind Markus Erdmann zur Frau gebe? .... und noch Eins! diese Wilhelmine Erdmann betrachtet sich noch immer als Verlobte dieses .... Reding — und wenn der harte Mädchenkopf doch seinen Willen durchsetzt, wen« sie ihn doch zum Manne nimmt .... so würde meine Tochter die Schwägerin eines .... Zuchthäuslers! prächtige Verwandtschaft das! ... . Nein! — ich könnte es nicht überleben, einen auS Erdmanns Hause in meiner unmittelbaren Nähe zu sehen! Mit meinem Willen wird meine Tochter nicht Markus Erdmann's Frau!" Tarnower wischte sich die hellen Schweißtropfen von der Stirne, „übrigens war die ganze Scene , die Du, Fanni, muthwillig hervorgerufen, völlig überflüssig, — ich sagte ja nur, Oppert bewerbe sich um meine Tochter, — ich habe keinen Namen genannt und Du dachtest gleich an Caroline — aber ich habe ja noch eine Tochter, ist meiner Veronika Therese mir nicht auch wie mein eigen Kind? (Forschung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetron: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger). '