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Der Israelit · 1878-07-03 · Heft 27 (3.7.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 27 (3.7.1878)
Date
1878-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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653 Mittagsstunden doch mit mächtiger Gewalt zu Dir .jetzt glaubte ich, würde die Kunde Deiner Zahlungsunfähigkeit schon verbreitet sein, es waren nur wenige unbedeutende Beträge, die Du noch schuldetest. Du hattest im Laufe der letzten Monate und Wochen mit dem Aufgebote aller Deiner Kräfte gegen das über Dich hereinbrechende Unglück gekämpft und große Summen bezahlt, und nur um wenige tausend Gulden, die Du nicht mehr aufzubringen vermochtest, sollte Dein ehrlicher redlicher Name erbarmungslos zerschellen; — aber doch fürchtete ich, daß Deine Gläubiger kommen, Dich verletzen, beleidigen, beschimpfen würden, —" Du hattest damals Niemanden, Deine kluge, liebe Veronika war noch nicht Deine Frau, Caroline, ein ahnungsloses Kind von dreizehn Jahren; so wollte denn ich, Deine einzige Schwester bei Dir sein in der schwersten Stunde Deines Lebens, und es mochte etwa vier Uhr Nachmittags sein, — es war im Winter, Chanuko") — es dunkelte schon .... als ich Deine Geschäftslokalitäten bej trat, war ich überrascht, es war Alles ruhig, die Arbeiter am Hofe und in den Magazinen waren! in gewohnter Weise thätig, ich eilte beflügelten! Schrittes die Paar Stufen, die in dein Schreibzimmer führten, hinauf — im ersten Comptoire j saßen alle Commis als wäre gar nichts vorgefallen, ich eilte in Dein Cabinet — Du warst nicht allein, es war ein Makler bei Dir, ich denke es noch heute, es war der alte Fanta, Du ertheilest Deine Aufträge mit gewöhnlicher Ruhe, Du sprachst mit ihm über Alltägliches, ja Du scherztest sogar über etwas und lächeltest dabei; — aber ich sah doch, daß Dich eine ungeheure Auflegung beherrschte, Du warst entsetzlich bleich, ein leichtes konvulsivisches Zittern durchbebte Deinen Körper, von Zeit zu Zeit fuhrst Du Dir mit der Hand durchs Haar, Deine Unterlippe bebte leise, allerdings nur dem Blicke der liebenden, sorgsamen, beobachtenden Schwester bemerkbar, Deine Nasenflügel bewegten sich unaufhörlich .... ich konnte den Moment nicht erwarten, da der Makler wegging; ich konnte mir den' äußern Widerspruch. Deine kalte Ruhe und das Gepräge innerer Aufregung nicht er- > klären; — ich war keines Wortes mächtig, sprach-! los stürzte ich an Deine Brust .... Du verstau-! dest meine stumme Frage, und legtest mir wie in j den guten alten Zeiten, als ich noch ein kleines; Mädchen war, wie zur Beruhigung die Hände auf j den Kopf .... Ein großes Geldpacket lag vor Dir. Du standest offenbar noch unter dem Eindrücke einer tiefen Erschütterung und sagtest, zuerst auf das Grldpacket deutend: gerettet, gerettet! .... | ich seh' das Packet noch heute vor meinem geistige»! Auge, es war in blaues Papier eingeschlagen und! .... es ist so im Menschenleben, eigenthümlich,! sonderbar, unerklärlich und doch wahr — während! die Seele in höchster Aufregung ist, pflegen sich! ihr gleichzeitig unwesentliche Unbedeutenheiten einj zuprägen, ich wollte unwillkürlich das Packet er-; greifen, aber Du warst so aufgeregt, daß Du mir! dasselbe, als wenn Du zornig über mich wärst, I entrissest. „Ich habe, was ich brauche! stießest Du! nach einer Pause, noch immer unter dem Eindrücke höchster Erregung und mit heiserer Stimme hervor . . . wie viel?" frug ich und wieder antwortest Du kurz, Zwölftausend! .... Nun hatte! ich im lauten Jubel aufjauchzen mögen, aber die! Stimme versazte mir und erst nach längerer j Pause brachte ich mit von Thränen erstickter i Stimme hervor: in welcher Weise hat Dir Gott das große Wunder erwiesen? Du hattest geschwankt, Deine Knie knickten zusammen und ich mußte Dich stützen, so heftig hatte Dich Dein früheres Leid und Deine plötzliche Rettung ergriffen, ein Lottogewinnst! hattest Du gestammelt, aber so lieb Dir etwas auf Erden, wenn Du ein Fünkchen Liebe für Deinen Bruder fühlst — kein lebender Mensch darf je erfahren, daß meine Lage eine verzweifelte gewesen, daß ich noch jetzt zwar ein solventer aber mittelloser Kaufmann bin . . .• wenn man wüßte, daß mir, wenn ich meine Wechsel bezahle, nicht mehr als achtzehnhundert Gulden zur Verfügung bleiben, verliere ich den Credit und bin für immer ruinirt — also, Schwester, gelobe mir tiefes Schweigen bis zu jener Zeit, wo Alles, > o! ganz gewiß. Alles — Bruder, ich citire getreu j Deine eigenen Worte — geordnet sein wird! . . .! ich versprach Dir, Bruder, zu schweigen, so lange! Dir daraus Gefahr und Unheil entstehen könnte,! ich habe auch redlich bis heute geschwiegen — ich ' würde auch ferner geschwiegen haben, wenn ich! nicht wüßte, daß ich vor Deiner lieben, treuen l Frau das Geheimniß enthüllen dürfe, mehr noch aber aus dem Grunde, weil ich Dir — nicht beweisen, Du wußtest es ja — weil ich Dich nur daran gemahnen wollte, daß Gottes Segen aus kleinen Keimen Großes entsprießen lassen kann — vor achteinhalb Jahren warft Du glücklich, Deine Wechsel decken zu können, und heute bist Du der reichste Kaufmann in Prag .... Die Mittellosigkeit Markus Erdmann's kann kein Grund Deiner Weigerung sein!" Tarnower bot, während seine Schwester mit steigendem Eifer so sprach, einen eigenthümlichen Anblick dar, seine sonst gelbliche Gesichtsfarbe hatte eine nahezu olivengrüne Nüance angenommen, der Helle Schweiß perlte von seiner Stirne, seine 44) Tempelweihfest, das in die Wintermonate fällt.

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