Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447774--15089-2471024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
652 nicht so eigensinnig, nicht jedem wird es so gut wie Dir! Du hast ein herrliches Mädchen — Du brauchst bei der Wahl Deines Schwiegersohnes nicht auf Vermögen und äußere Stellung zu sehen, Dein liebes Kind hat eine Wahl getroffen, die sie ehrt; Markus Erdmann ist ein achtungswerther Ehrenmann, trotzdem er unsere Caroline liebt, hat er sich ihr doch von dem Tage an, wo Du es ihm untersagt hast, nicht genähert; — und trotzdem hofft er und Caroline und auch ich, daß sich Dein harter Sinn erweichen, daß Du Deine Einwilligung geben, und mit des allgütigen Gottes Hilfe Deine Tochter eine glückliche Frau werden wird .... Was hast Du denn eigentlich gegen Markus Erdmann einzuwenden? Seine Mittellosigkeit kann ja bei Deinem großen Reichthum kaum als Grund gelten, — und ich weiß es lieber Bruder, in der Hand eines gewandten, thätigen Geschäftsmannes kann sich auch ein kleines Vermögen mit Gottes Hilfe in kurzer Zeit rasch vermehren, ich weiß es ja an Dir, der Du jetzt der erste, der größte Kaufmann im Lande bist, — ich weiß es ja, fuhr Fanni eifrig fort, „vor Deiner lieben Frau hat es nichts zu sagen. — Vor einigen Jahren war durch ein Zusammentreffen unglücklicher Verhältnisse das große Vermögen, das Du in unseres lieben Vaters — sichrono liwrocho") — großem Geschäfte ererbtest, nicht nur verloren, sondern Du wärest gezwungen gewesen. Deine Zahlungen einzustellen , das Schmerzlichste und Härteste, das Dich hätte treffen können, wenn der allbarmherzige Gott Dir nicht in seiner Allmacht ein sichtbares Wunder bewiesen.An dem Tage, an dem Du gramgebeugt, den Concurs anmelden wolltest, ward Dir unverhofft ein Lotteriegewinn, ich glaube es waren zwölftausend Gulden . . . ." Fanni mußte ihres Bruders Geduld zu viel zugetraut haben, denn er fuhr ärgerlich auf, und schrie überlaut: „daß Ihr Frauen unnöthiges leeres Gefrage und Geschwätze nicht lassen könnt! .... Du willst über meine Tochter, Deine Nichte sprechen und verfällst in die Erinnerung an alte werthlose Geschichten .... nun ja .... ich habe damals unerwartet einen Lotteriegewinn gemacht — aber was bedeutete der, den Verlusten gegenüber, die ich kurz vorher durch Bankrotte in Wien, Pesth, Nikolsburg und andern Orten, und auch an Maaren, während einer die Handelswelt erschütternden Krisis erlitten? — Was bedeutet der kleine Gewinnst, dem Vermögen gegenüber, das ich jetzt besitze und das nach Hunderttausenden zählt?.und Tarnower schien etwas ruhiger geworden zu sein. „Du thörichte Schwester, wie soll ich mich jetzt nach zehn, elf Jahren erinnern — wie viel damals der unbedeutende Gewinn betrug?" Veronika hatte gespannt aufgehorcht. Diese Episode aus dem Vorleben ihres Gatten war ihr, wie auch jedem Andern völlig unbekannt geblieben. Fanni Hanau hatte sich zu Gunsten ihrer Nichte ungewöhnlich erwärmt, sie hatte ihre gewöhnliche Schüchternheit, Demuth und Ehrfurcht vor ihrem Bruder und Brodherrn abgelegt, und sie sprach mit einer Unbefangenheit und Kühnheit, welche Veronika in Verwunderung setzte. „Ich war ganz bei der Sache, lieber Bruder, und Deine Vorwürfe entbehren jeder Begründung. Ich wollte beweisen, daß ein. tüchtiger Kaufmann mit wenigem Kapital ein großes Vermögen erwerben kann und habe als lebendigen und vollgiltigen . Beweis Dich selbst angeführt. — Es sind übrigens nicht zehn oder elf Jahre, Deine erste liebe Frau war schon lange todt, und ich war schon mehrere Jahre in Deinem Hause .... ich erinnere mich des Tages ganz deutlich, es sind jetzt sieben ein halb Jahre, es war gerade an dem dreizehnten Geburtstage unserer Caroline und ich erinnere mich noch aller Nebenumstände ganz genau. Du warst am Morgen tief betrübt aus Deiner Wohnung in Dein Geschäftslokal gegangen, es kannte außer mir — und richtig Deinem Factotum Oppert, — Niemand Deine verzweifelte Lage .... Du gingst schmerzgebeugt von uns, segnetest Dein Kind und küßtest mich, wie Du sonst außer Erew Jomkipur") bevor Du in die Synagoge gehst, nie zu thun Pstegst. Du sagtest, Du würdest im Laufe des Tages Deine Zahlungsunfähigkeit vor Gericht anmelden; ich wußte, was Du littest, Du bist ein ehrlicher und bist ein stolzer Mann; ich verbrachte den ganzen Tag in unsäglich schmerzlicher Aufregung.DÜ kamst zum Mittagmahle nicht heim, das war noch nie gesehen, seitdem ich in Deinem Hause war, je länger es währte, desto furchtbarer ward die Angst, die mein armes zu Tode gemarterte Herz erfaßte, ich fürchtete das Allerfurchtbarste, .... ich hatte Dich am Abende vorher belauscht, als Du Dich allein in Deinem Zimmer eingeschlossen, ich horte Dich zuerst Maariw beten, dann hörte ich Dich bitter weinen und in wilder Verzweiflung Worte ausstoßen, die mich an Hiob gemahnten .... ich habe es gesagt, ich begann das Allerfürchterlichste zu fürchten, ich glaubte Du gingest mit Selbstmordgedanken um — und wenn ich mich auch in Momenten der Beruhigung damit zu trösten versuchte, daß Du, ein gläubiger, gottvertrauender Jude, gewiß nicht Hand an Dir legen würdest, riß es mich in den spätern Nach- 42) Sein Andenken sei gesegnet. 4Z) Vortag des Versöhnungssestes.