Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1878)
- Date
- 1878-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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649 dreht! Wie wird Deine Meinung absichtlich mißverstanden und aus Weiß in Schwarz verwandelt, indem man aller Folgerung in's Gesicht schlägt! Und wenn diese Meinung wirklich die Deinige wäre, wenn Du wirklich uns empfohlen hattest, selbst wenn die Gemeinde Götzen dient, den Frieden nicht zu stören und ihrem Beispiele zu folgen, wenn ein solcher Spruch je aus dem Munde eines Talmudlehrers hätte kommen können, was ist dann von denen zu halten, die so oft einen derartigen Ausspruch zur Beschönigung ihrer Handlungsweise heranziehen? Was muß das für eine Handlungsweise sein, die durch eine talmudische Gutheißung des Götzendienstes — allerdings durch eine mißverstandene — glaubt beschönigt werden zu können? Hieße das nicht Alles verachten, was der Talmud zur Erhaltung des Bestehenden festgesetzt hat, und Alles mit großer Ehrerbietung heranziehen, was zur völligen Erschütterung unseres Glaubens dienen kann? Ist es wissenschaftlich folgerichtig, gewöhnlich nur den halachischen Theil des Talmud für halb bindend anzusehen und dem agadischen eine mehr als untergeordnete Stellung anzuweisen; wo es sich dagegen um einen Umsturz handelt, einen Agadaspruch zur Beschönigung desselben zu wählen? Geschähe in unserer Mitte etwas Aehnliches, wie würden unsere Gegenfüßler dann über einseitige und dunkelmännische Verdrehung, über absichtliches Mißverstehen des Talmud ihr Geschrei erheben l Wenn wir ihnen nun nach ihrer eigenen Anschauungsweise und beliebten Entkräftungsart entgegenhielten, daß dies nur ein dem genannten Weisen eigenthümlicher. aber kein allgemeiner Grundsatz sei, daß ein Agadaausspruch der Halacha gegenüber nicht binde? Wäre dies bei den oft sich aufhebenden Ansichten unserer Weisen etwas so Ungewöhnliches? Aber ein derartiger Grundsatz würde nicht nur einem oder dem andern Mischnalehrer, sondern dem Judenthum überhaupt widersprechen, wäre geeignet, dessen Hauptgrundsätze (selbst im Sinne der Neuerung gefaßt) zu gefährden. d.tjq Dniny „Götzendienst in Israel und Friede unter ihnen". Zum Glücke für unsere Lehre k-nn diese Voraussetzung sich nie erfüllen. Nie war der bessere Geist im Judenthum so gesunken, daß Alle hätten gleichgiltig dem Abfalle zugesehen oder gar an ihm Theil genommen. Stets erweckte der göttliche Geist den Eifer und die Treue Einzelner, ja oft auch nur eines Einzigen, der mit unerschrockenem Muthe im Bewußtsein seiner Sendung auftral, wahrend Viele die Wahrheit feige verschwiegen. Und wenn nur ein Einzelner die Verhältnisie mit seiner wahren Ueberzeugung nicht in Einklang bringen könnte, ist sein Seelenfrieden etwas so Geringfügiges, seine Ueberzeugung eine so werthlose, daß man darüber hinwegsehen und sie der gedankenträgen Stumpfheit der Menge opfern sollte? Wo wäre das- Judenthum heute, hätte dieser Talmudsproch stets eine solche Auslegung gefunden, hätte man gegen das Unjüdische stets eine solche Zartheit zeigen wollen, wie der mißverstandene Tanaite sie wünschen soll? Der Nachsatz 0.12 to» wn kann bei Unmöglichkeit der Vorbedingung auch nie wirklich in Erfüllung gehen. Und sollte man selbst das in anderer Lesart benutzte statt Dto setzen, welchen Sinn gibt man diesem Satze? Soll das vielleicht heißen: „Wenn das götzendienerische Israel Friede unter sich hat, fühlt Gott sich unvermögend, da- Volk strafend zu berühren?" diese Meinung, und wollte man sie dem zufolge, noch sounbuchftäblich nehmen, würde eine Gotteslästerung in sich schießen und die Grundsätze der Thora ans den Kopf stellen. So viel ein jedes Schulkind weiß, wird die Strafe von Sodom nur dann abgewandt, wenn unter den sonst sich sehr einigen Bewohnern der Stadt zehn Unzuftiedene mindestens zu finden sind, zehn Störenfriede, die sich, wie Lot, mit Aufbietung aller Kräfte den duldsamen, allgemein anerkannten Bestimmungen des sodomitischen Gemeindewesens widerfetzen, aller darum D'p'is genannt werden. Und sollte in Israel der berechtigte Widerstand von mindestens zehn Männer« gerade die entgegengesetzten Folgen Hervorrufen? Also würde die allgemeine Bestimmung, die der Götzendienst fände, den Allmächtigen zur Strafe zu machtlos finden, der theilweise Widerspruch dagegen die rächende Hand Gottes schneller herabziehen? Das wäre eine Kniffigkeit, wie sie die wortgewandten Spitzfindigkeitshelden vor Sokrates kaum hatten den Griechen besser auftischen können. So sehr wir nun auch bereit sind, für das Wohl unserer Glaubensbrüder manches bedeutende Opfer zu bringen, das eine können sie uns unmöglich zumuthen, daß wir, um ihnen Straflosigkeit zu sichern, unfern berechtigten Widerspruch aufgeben, unsere langbewährten Eigenthümlichkeiten gegen ihren weltbeglückenden Ohrenschmaus vertauschen, der dem Wechsel der Zeiten doch sehr unterworfen ist. Was hätte aber R. Eleasar Hakkappor beabsichtigt? Bestände sein Satz auf unmöglicher Voraussetzung, daher also unmöglicher Folgerung, was sollte er uns dann? Hat er wirklich keinen anderen Werth als uns einen vollkommenen Widerspruch zum Judenthume und seinen Lehren zu zeigen, dem Mißverständnisse sich leicht als Waffe gegen das