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Der Israelit · 1878-07-03 · Heft 27 (3.7.1878) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 27 (3.7.1878)
Date
1878-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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648 ^chen Kreisen. Seine Erwartungen werden ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nicht täuschen. Die Begeisterung für derartige Orgelschauspiele wird sich wohl mit dem Reize der Neuheit verlieren nnd das Theater wird durch reiche Abwechselung seine stets bewährte Anziehungskraft ausüben. Bisher zeigt der gefüllte Tempel, daß die Neuerung noch neu ist. Der erleuchtete Rabbiner, der orgelumtönte Held des Tages, besteigt im priesterlichen Gewände die Kanzel, die letzten Klänge der gereimten Betrachtungen („Lieder" genannt,) verhallen, und er beginnt: „Unsere Weisen, deren Standpunkt der rnu serige bleibt, wenn er sich auch dem Zeitgeiste gemäß vorwärts bewegt, sagen im Talmud:" Erstaunt schnelle ich von meinem Sitze in die Höhe, ich erwarte die Heranziehung eines vielleicht neuaufgefundenen talmudischen Abschnittes über Orgeleinführung und nothwendige Nachahmung des Unjüdischen — es kommt jedoch nur der Satz der kleinen Talmudabhandlungen, der obenansteht im redensartlichen Wörterbuche unsere Welterleuchter 121 btpj'3 Ditwi DH3iy „Und wenn Israel Götzen dient und Frieden hält 'in seiner Mitte, so spricht Gott: Ich kann sie nicht bezwingen." Nun folgt eine begeisterte Darlegung des innerlich sehr vervollkommnungsfähigen talmudischen Geistes, der in seiner unbegrenzten Friedensliebe, wenn seine echten Vertreter noch bestünden, mit den ohrerfreuenden Fortschritten des Jahrhunderts im vollsten Maaße übereinstimmen würde. Es fallen einige schüchterne Seitenhiebe auf gewisse Störenfriede, die in vollkommener Verkennung einer so hochherzigen und freien Anschauung sich von der Gemeinde absondern, die Umgestaltung der Dinge nicht anerkennen und an kleinliche Bedenken sich festklammerten. Doch werde der gute Geist, der die Gemeinde im Ganzen beseele, auch jenen bisher noch Abirrenden nicht ferne bleiben, werde sie aus ihrer feindlichen Absonderung heraus in die Mitte aller Anderen führen» Friede werde wieder in Israel herrschen und die Forderungen des Talmuds werde sich bald auf's Schönste erfüllen. Ob alle Anwesenden in das „Amen" einstimmten, mit dem der Redner schloß? Ob die Bedenken einer nicht unbeträchtlichen Menge, die sich in ihrem Gesichte malten, vielleicht durch die gewaltigen Orgeltöne eingelullt wurden, durch dies erhaben stimmende Lied, unter dessen Klängen der Redner gemessen herniederstieg? Viele versicherten mich wenigstens beim Verlassen des Tempels, der Aenderung durchaus nicht beizustimmen, den Gottesdienst heute nur aus Anhänglichkeit gegen. diese stets ihnen theuere Stätte besucht zu haben. Sie wären der Meinung gewesen, man könne für sich nach althergebrachter Weise beten, doch seien sie durch die Orgeltöne und die ganz umgestaltete gottesdienstliche Ordnung stets von ihrer Andacht abgelenkt worden. Das stellte kaum eine Wiederholung ihres Besuches in Aussicht. Aber da begegnet mir eine ansehnliche Anzahl sabbatlich gekleideter Glaubensgenossen, die augenscheinlich eben ihren Gottesdienst gesondert abgehalten haben. Sie scheinen keineswegs der Hefe des Volkes anzugehören, und so schrumpft die Aeußerung des Rabbinen von' „einigen Störenfrieden" bedenklich an innerm Werthe zusammen. Sind diese Abgesonderten vielleicht ein Beweis für DH2iy D.TJ’3 DltWI N"j/? Was nützt es nun, wenn hochtönende, schönfärberische Berichte in den der Neuerung dienenden Zeitungen erscheinen, wenn alle Erleuchter in die Siegesposaune stoßen und der Vorstand sich darauf etwas zu Gute thut, die Sache der Aufklärung mit Entschiedenheit vertreten zu haben? Ist der Erfolg ein innerer, den nach dem allgemeinen Bewußtsein die Nothwendigkeit herbeigeführt hat, dem deshalb etwas Dauerndes zu Grunde liegt? Die seltsame Anwendung des Talmudwortes ging mir nicht mehr aus dem Sinne. So oft ich diesen Satz auch schon mit wohlgefälliger Miene hatte zur Bekämpfung des Althergebrachten und zur Verspottung der Gesetzestreuen heranziehen sehen, so gewiß ich war, daß er von jedem Aufklärungsheißsporn als dem Talmud entnommene Waffe gegen den Talmud werde benutzt werden — so schroff hatte ich die Wirtlichkeit den hochtönenden Redensarten noch nicht entgegengetreten sehen. Ehrwürdiger R. Eleasar Hak^apor! Wenn wir Dir eine Ueberlieferung zur Feststellung und unabänderlichen Bewahrung der Glaubensgebräuche verdanken würden, gewiß würde sie die Aufklärung ohne Achtung zu Boden treten und für überlebt erklären. Kaum aber haben sie. oder hat Einer von ihnen auf einer talmudischen Entdeckungsreise — es werden solche in gewissen Zeiträumen von ihnen unternommen — einen Satz aufgespürt, den sie, nur halb verstanden, zu ihren Gunsten drehen und verdrehen können, wie stürzen sie sich dann Alle auf die Beute, wie hatten sie dann den Anhängern des Talmud in sittlicher Entrüstung den achtunggebietenden Namen des R. Eleasar Hakkapor entgegen, der als Vertreter des Talmud bei Vernichtung des Talmud die Anhänger desselben Talmud zur Nachgiebigkeit anhält, damit der liebe Friede nicht gestört werde I Ehrwürdiger Tanaite, wie wird Dir das Wort im Munde der-

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