Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1878)
- Date
- 1878-06-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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634 seinen Widerstand gegen Rußland aufgeben werde, Rußland sich anheischig mache, die Sachen derart zu regeln, daß die Judenfrage im Congresse nicht discutirt werde. Nun machten einige radikale Abgeordnete den Vorschlag, Bratianu möge allein nach Berlin gehen; andere wieder sprachen die Ansicht aus, einige Senatoren und Deputirten möchten den Minister-Präsidenten begleiten. Cogolnitscheanu merkte die Absicht seiner Gegner und erklärte, daß ein solcher Vorschlag einem Mißtrauensvotum gleichkäme. Die Herren sollen ihren Vorschlag rn der öffentlichen Sitzung der Kammer machen, und falls er die Majorität erlange, werde er sich zurückziehen. Nun nahm der Senator Stourdza das Wort. „Es sei nicht an der Zeit", meinte er, „sich darüber zu streiten, wer Rumänien im Congresse vetreten werde; die Hauptsache sei, daß dieses Land überhaupt vertreten werde. Eine Ministerkrise in diesem Augenblicke könne keinen Nutzen, wohl aber Schaden bringen. Im Uebrigen sei es gut, daß diejenigen, welche die Zügel der Regierung bisher in Händen gehabt hatten, auch am Schlußacte theilnehmen, damit, falls die Sachen ein schlechtes Resultat haben, die ganze Verantwortlichkeit auf sie falle. Er habe kein Vertrauen in Cogolnitscheanu, der sich bisher als energieloser Staatsmann bewiesen habe; trotzdem scheine es ihm heute zu spät, daran zu denken, ihn durch einen Andern zu ersetzen. Was Cogolnitscheanu über die Abmachungen von Reichstadt gesagt habe, sei entschieden nicht wahr. Aus mindestens ebenso guter Quelle, wie die des Herrn Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, dessen Gewährsmann Fürst Apsilanti in Wien sei, könne er versichern, daß Oesterreich Rumänien nicht geopfert habe und auch nicht aufopfern werde, falls die Rumänen ihre Pflicht thun. WaS die Judenfrage betreffe, so glaube er kaum, daß es von Rußland abhänge, ob der Congreß sich damit beschäftigen werde oder nicht. Die Staatsmänner Europas werden übrigens mit derartig wichtigen anderweitigen Fragen beschäftigt sein, daß es kaum glaublich erscheint, daß sie auch diese Angelegenheit in den Bereich ihrer Berathungen ziehen werden, und am Ende müsse doch über kurz oder lang auch diese leidige Frage ihre Erledigung finde». Die Hauptsache für einen rumänischen Staatsmann sei heute, seine Pflicht zu thun, das heißt ehrlich zu sagen, was man wolle und wie man gesinnt sei, damit Europa Vertrauen in Rumänien habe und es gegen seinen natürlichen Erbfeind, die Russen, beschütze." Die Rede des Herrn Stourdza, öfters von Beifall unterbrochen, hat auf die Versammlung einen tiefen Eindruck gemacht. Ihm antwortete noch einmal Cogolnitscheanu. Er verwahrt sich vor Allem gegen dir Behauptungen des Vorredners, daß er energielos gegen Rußland vorgegangen sei. Er habe Alles gethan, was unter solchen Verhältnissen zu thun war, und weiter zu gehen wäre unklug und gefährlich zugleich gewesen. Er halte seine Behauptungen, die Abmachungen von Reichstadt betreffend, vollkommen aufrecht, und als Beweis dafür könne er anführen, daß Deutschland bis auf die allerletzte Zeit die größten Anstrengungen gemacht habe, um die rumänische Regierung zu bewegen, auf Bessarabien zu verzichten. Die deutsche Regierung habe erklärt, daß Rußland bereit sei, die größten Opfer an Geld und an Territorial- Entschädigungen zu bringen, um diesen Streifen Landes gutwillig von Rumänien zu erhalten. Die rumänische Regierung aber habe alle Anerbieten zurückgewiesen. Nachdem noch mehrere andere Redner, die Einen für. die Anderen gegen den Minister sprachen, beschließt die Versammlung, Cogolnitscheanu möge Bratianu nach Berlin begleiten. Frankreich. Paris, 10. Juni. Die „Pariser Börsencorrespondenz" schreibt: Wir vernehmen, daß die durch ihren ausgezeichneten Wohlthätigkeitssinn bekannten Herren I. E. Kann u. Netter, Namens der „All. isr." nach Berlin reisen, um dort vordem Kongreß die Sache der orientalischen Juden zu verfechten. Wir glauben zu wissen, daß die beiden Herren sich französischerseitL der eifrigsten Förderung ihres Reisezweckes durch Herrn Waddington, unfern Minister der auswärtigen Angelegenheiten, von vornherein schon versicherten. (Siehe den ersten leitenden Artikel.) Feuilleton. -Lin Krief Köthel zu Künsten eines Irankfurters Zsraeliten. Die Juden zu Frankfurt a. M. durften, wie auch in andern Städten, bis zum Schluffe des achtzehnten Jahrhunderts an Sonn- und Feiertagen erst nach geendigtem christlichen Nachmittags-Gottesdienste die Judengaffe verlassen. Doch ließ man gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts manchmal eine Ausnahme eintreten, aber lediglich auS Rücksicht auf eine Regierung, in deren Diensten irgend ein Jude stand, wiewohl auch diese Rücksicht nicht immer genommen ward.