Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1878)
- Date
- 1878-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die milde Fanni aber war von der rabbinifchen Sentenz ganz entzückt. *3«, Du hast recht, Bruder, man muß einem solchen Unglücklichen unter die Arme greifen; — aber, lieber Bruder! Almosen scheint mir für einen jungen, kräftigen und auch tüchtigen Mann, wie Simon Reding eS ist, nicht die richtige Art der Unterstützung. Wie wäre es, wenn Du den Menschen, der als ein ausgezeichneter Buchhalter und Comptoirist bekannt war, in Dein Geschäft aufnehmen würdest? Er würde sich mit einem geringen Gehalte begnügen» er würde fleißig und arbeitsam sein, und ich glaube, auch auf seine Ehrlichkeit könnte man sich setzt vollständig verlassen; es läge ja in feinem eigenen Interesse, Alles, was nur den leisesten Schein eines Verdachtes auf ihn werfen könnte, sorgfälrig zu vermeiden." „Was fällt Dir denn da wieder für entsetzlicher Unsinn ein?!" schrie Tarnower mit ungewohnter Heftigkeit, während eine aufsteigende Blutwelle sein gelbliches Gesicht dunkel färbte ... ich will Simon Reding nicht vor Augen sehen. . . ." Tarnower brach plötzlich ab. „Ich habe heute, wie leider auch sonst nicht selten, das Unglück, Deinen Unwillen zu erregen," sagte Fanny gutmüthig, „ich erkenne das an Deiner Erregtheit, und," fügte sie begütigend hinzu, „ich sehe es selbst ein, Du darfst Dich bei der Wahl Deiner Commis und Hilfsarbeiter nicht von Deinen Sympathien allein bestimmen lassen. Deine Leute haben auch viel mit den Käufern zu verkehren, und diese könnten Anstoß an einer Person mit dunkler Vergangenheit nehmen, vielleicht würden auch Deine andern Commis nicht einen solchen Collegen neben sich dulden." „Siehst Du!" entgegnete Tarnower seiner Schwester, mit dem offenbaren Bestreben, so viel Wohlwollen als ihm nur möglich in den Ton seiner Stimme zu legen, „Du bist ja im Grunde eine ebenso gescheidte als brave Frau, und wenn Du nur ein klein wenig nachdenkst, so verfällst Du dann immer auf das Richtige." Fanni, welche eine so milde Beurtheilung seitens ihres Bruders nicht gewohnt war, sah ebenso wie Veronika erstaunt zu ihm auf, er hatte sich nun erhoben, schritt nachdenklich einigemal im Zimmer auf und ab, — dann blieb er plötzlich vor Veronika stehen. „Wir sind zu Gutem") nun schon fünf Jahre verheirathet, aus Deiner Abneigung gegen Oppert 40) Eine noch heute in manchen Kreisen gebräuchliche Wunschformel, deren Anwendung sich nicht leicht durch eine Regel feststellen läßt. hast Du zwar nie ein Hehl gemacht, aber so kraftvoll und unzweideutig hattest Du Dich noch nie ausgesprochen. Du gestattest wohl da die Krage, ob in der letzten Zeit irgend etwas vorgefallen, was Dir Grund zu einer erhöhten Abneigung gegeben und," Tarnower lächelte höchst ungläubig, „wenn Du Oppert in der That für einen so gefährlichen Menschen hieltest, warum hast Du mir das nicht schon früher gesagt?" „Ich will Dir volle Aufklärung geben. Schon als ich mich mit Dir verlobte, habe ich Dir offen gesagt, daß mir Oppert mißfällt; ich dachte, wenn ich Dein Weib sein würde, so würde ich wohl so viel Einfluß auf Dich gewinnen, seine Entfernung durchzusetzen; allein je länger ich im Hause bin, desto mehr erkenne ich, daß er Dir in Deinem Geschäfte völlig unentbehrlich sein muß; denn sobald ich über ihn zu sprechen beginne, weißt Du so viel zu seinem Lobe zu sagen, daß ich das Unnütze, Dich über ihn zu bekehren, einsehe — ich will keinen Unfrieden im Hause stiften und von Dir kein Opfer fordern, daß Dir allzuschwer fallen und das Du mir deshalb abschlagen könntest — und auch darin hat Dein kluger Kopf das Richtige getroffen, in jüngster Zeit hat sich meine gerechte Abneigung gegen Oppert, wenn möglich, noch erhöht. Er hat, wie ich weiß, eine glänzende Stellung in Deinem Hause, tausend Gulden jährliches Gehalt, wie dies hier in Prag kaum ein zweiter Buchhalter hat, leichte angenehme Arbeit, eine freundliche, fast freundschaftliche Behandlung Deinerseits; wenn Du ihn entließest, würde er eine solche Stellung gar - icht bekommen können, und Oppert sollte Dir gegenüber, ich will nicht sagen unterirmrfig, aber doch diensteifrig, willig, freundlich, entgegenkommend sein, so geschieht's in andern Häusern, wo die Commis Alles aufbieten, sich bei ihren Chefs beliebt zu machen, — aber von dem Allem sah und sehe ich bei Oppert nichts . . „Er ist sich eben seines Werthes bewußt!" warf Tarnower ein, „er leistet viel im Geschäft und verschmäht es daher — hat es auch nicht nothwendig, durch Speichellecken und Katzenbuckeln sich beliebt zu machen, der Frau und dem Fräulein die Hand zu küssen!" Veronika beachtete die Unterbrechung nicht und fuhr fort, „Oppert benimmt sich nicht, als wenn er Dein bezahlter Commis, er benimmt sich, sogar in meiner Gegenwart, als wenn E r der Chef, der Herr wäre, als wenn Du von ihm abhingest» von seiner Gnade leben würdest! . . . ich habe, als ich heute aus der Synagoge heimkam, unfreiwillig einen Theil des Zwiegespräches erlauscht, von dem Du eben sprachst, das heißt, ich habe nicht den vollen Wortlaut, noch weniger den Sinn der erreg-