Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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610 machen. Ihre Hoheiten hatten also mit Bedauern vernommen, daß die Inden fortführen, die Christen durch ihren Unglauben zu schädigen; leider habe darin weder die Abschließung der Juden in die abgesonderte Stadt-Viertel noch die Verbrennung Einzelner in Folge der Untersuchung und des Urtheils der Inquisition eine Besserung gebracht. Um diesen Versuchen, die Christenheit von Spanien zu verderben, eiu Ende zu machen, hätten die Majestäten auf ein endgültiges und durchgreifendes Mittel gesonnen. Sie seien gewiß nicht der Ansicht, daß alle Juden schuldig seien; aber sie müßten sich doch sagen, daß wenn gewisse Glieder einer Genossenschaft oder Communität sich fort und fort von dem darin herrschenden Geist angetrieben fühlten, Verbrechen zu begehen, nichts Anderes übrig bleibe, als diese Genossenschaft oder Communität aufzulösen und zu vernichten. Sie befählen daher allen Juden und Jüdinnen, das Land zu verlassen und nie wieder zu betreten, auch nicht zu einem nur zeitweiligen Besuch, unter Androhung der Todesstrafe. Ueber den letzten Tag des Juli hinaus dürfe kein Jude sich mehr auf spanischem Boden betreffen lassen. Wer dies dennoch wage, ferner: wer einem Juden oder einer Jüdin Rast oder Obdach in seinem Hause oder irgend welchen Schutz und Schirm gewähre, der habe sein Hab und Gut verwirkt; jeden Amtes, jeder Würde, jeden Dienstes, die er bekleide oder inne habe, sich verlustig gemacht. Während der ihnen noch gewährten vier Monate möchten die Juden ihre liegenden Güter verkaufen oder gegen bewegliche Habe Umtauschen; solche Dinge jedoch, deren Ausfuhr ohnehin durch die Gesetze des Königsreichs verwehrt sei, wie vor Allem Gold, Silber und gemünztes Geld dürften sie nicht außer Landes mitnehmen. Wiederum wurde wahr, was geschrieben ist im Buche Esther von den Juden im Lande des Perser- Königs Asswerus: „In allen Städten und Oertern, wohin der grausame Befehl des Königs kam, war ein sehr großes Klagen unter den Juden, und Fasten und Hevlen und Weinen, und Viele nahmen Säcke und Asche statt des Lagers." Sie erboten sich, sich jedem Gesetze unterwerfen zu wollen, so hart und drückend es auch sei, wenn man sie nur belassen wollte in der Heimath. Der greise Rabbi Jizchak Abarbanel, der das Vertrauen auch der Herrscher vor Ferdinand und Jsabella genossen hatte und von Letzterer acht Jahre vorher an den Hof berufen worden war, um, was ihm auch gelang, ihre Einkünfte zu regeln und zu verbessern, dieser verdiente und unter seinem Volke hochverehrte Greis bahnte sich jetzt seinen Weg in die Alhambra, warf sich unter Thränen zu den Füßen der Majestäten nieder und flehte um Erbarmen; sechshunderttausend Goldkronen erbot er sich herbeizuschaffen als Lösegeld von der über die Juden verhängten Verbannung. Hören wir seinen eigenen Bericht: „Ich bat so dringlich um Gnade, daß mir fast die Sinne schwanden und die leiblichen Kräfte mich verließen. Drei Mal stürzte ich dem König zu Füßen und beschwor ihn, nicht so grausam mit uns, seinen Knechten, zu verfahren. „Nimm", sagte ich ihm, „all' unser Gold und Silber; nimm die sämmtliche Habe des Hauses Israel, aber belass' uns in der Heimath!" Ich mahnte auch meine Freunde, die Beamten des Königs, ihren Zorn gegen mein Volk zu mäßigen; auch bei den königlichen Rathen versuchte ich Alles, damit sie den König zur Zurücknahme des Verbannungs-Edictes bewegen möchten. Aber wie die Natter ihr Ohr mit Staub füllt, damit die Stimme des Zauberers sie nicht bewege, so verhärtete der König sein'Herz gegen die Bitten, mit denen wir ihn bestürmten. Er werde, verschwor er sich, das Edict nicht widerrufen um Alles, was die Juden ihr eigen nennten. Die Königin stand zur seiner Rechten und war wider uns; sie bestärkte ihren Gemahl in dem Vorsatze, das einmal begonnene Werk zu Ende zu führen. So war Alles aufgeboten worden zu unserer Rettung; aber da war kein Rath mehr und keine Hilfe." Und doch war es nahe daran gewesen, daß das Geldanerbieten des Rabbi Abarbanel zusammen mit den mannigfachen Fürsprachen den Sieg davon getragen hätten. Der König kam in's Schwanken, ob er nicht besser thue, die baare Summe von sechshunderttausend Goldkronen sich gefallen zu lassen, als auf seinen Antheil an der Beute zu hoffen, die der Vertreibungsplan in Aussicht stellte, nach welcher so viele gierige Hände greifen würden, daß es einigermaßen zweifelhaft war, ob der königliche Antheil die sicher gebotene Summe auch nur erreichen werde. Da führte der Groß-Jnquisitor Torquemada den Entscheid herbei mit einem Schlage; er stürzte in das Zimmer, in welchem König und Königin beisammen saßen und hielt Beiden ein Crucisix vor Augen, mit bewegter Stimme ihnen zurufend: „Das erste Mal hat Judas den Sohn Gottes verrathen um dreißig Silberlinge; Euere Hoheiten sind im Begriff, ihn zum zweiten Male zu verrathen für vielleicht dreihunderttausend. Hier ist er! Hier habt ihr ihn! Wenn ihr wollt — verkauft ihn!" Bei den letzten Worten legte der verwegene Mönch das Kreuzbild vor dem Königspaare auf den Tisch und ging mit stolzen Schritten aus dem Gemache. Ferdinand und Jsabella merkten, daß dem Willen