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Der Israelit · 1878-06-19 · Heft 25 (19.6.1878) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 25 (19.6.1878)
Date
1878-06-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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611 des Groß-Jnquisitors trotzen so viel heiße als das Gewitter des päpstlichen Unwillens über sich und daS Land zusammenziehen — sie schlugen sich das Angebot des Rabbi Abarbanel und die Fürsprache seiner Freunde auS dem Sinne. Die Inquisition als Gerichtstribunal ist, daS räumen wir ein, bei der Vertreibung der spanischen Juden nicht im Spiele gewesen, aber ihr Haupt und ihre Diener waren deshalb doch nicht minder zu diesem Zwecke thätig Die moralische Verantwortung auch für diesen Frevel am Menschengeschlecht fällt also unbestreitbar dem h. Officium und seinen Auftraggebern zu Rom zur Last; das von den Priestern beherrschte Königspaar war diesmal wie immer ein williges Werkzeug in ihrer Hand, wenn ihm Aussichten auf materiellen Gewinn geöffnet werden konnten. Nachdem Torquemada beim Könige so weit gesiegt hatte, machte er sich daran, die Lage auszunützen. Er sendete Prediger-Mönche durch das Land, um die Juden zu bekehren und veröffentlichte ein Edict, in welchem er ihnen die Taufe anbot und die Aufnahme in den Schooß der heiligen Kirche. Es zeigten aber nur Wenige Verlangen hierzu. Er verbot den Christen, nach Ablauf des Monats April noch ferner mit den Juden zu verkehren und ihnen Obdach oder Speise oder sonst eine von des Lebens Nothwendigkeiten zu gewähren. Der Engländer Lindo theilt in seiner „Geschichte der spanischen und portugiesischen Juden" aus der ungedruckten Chronik des Bernaldez de los Reyes Catholicos einige Sätze mit, welche mit den Worten eines Zeitgenossen ein Bild geben von der damaligen Lage des Volkes Gottes in Spanien. „Innerhalb der in dem Verbannungs- Decret ihnen gewährten viermonatlichen Frist veräußerten die Juden ihre Habe sozusagen um Nichts. Sie liefen umher und boten ihre Sachen zum Kaufe an, fanden aber keine Abnehmer. Schöne Häuser und einträgliche Güter mußten sie um den hundertsten Theil des Werthes verschleudern. Ein Haus wurde für einen Esel, ein Weinberg für ein Stück Tuch oder Leinen weggegeben. Weil es ihnen verboten war, Gold oder Silber mitzunehmen, näheten sie dessen so viel sie konnten in ihre Sättel und Halfter und das sonstige Geschirr ihrer Laftthiere. Die wohlhabenden Juden bestritten die Reisekosten der armen; wie sie sich denn überhaupt untereinander hilfreich beistanden. Dennoch gab's des Jammers und Elends genug. In der ersten Juli-Woche fand der allgemeine Aufbruch statt; Alt und Jung, Groß und Klein, Weib und Mann. Reich und Arm griffen zum Wanderstab, um das Geburtsland zu verlassen, zu Fuß, auf Pferden, Eseln oder Karren, Jeder dem Hafen zu, in welchem er sich einschiffen wollte. Was sie unterwegs litten, ist nicht zu beschreiben: die Einen starben. Andere kamen zur Welt; der erlag der Entkräftung, Jener einer Krankheit. Die Christen sahen das Schauspiel mit herzlichem Erbarmen und drängten in die Davonziehenden, sich doch taufen zu lassen, um diesem ihrem Leid ein Ende zu machen. Einige griffen wirklich zu diesem Auskunftsmittel, aber es waren deren doch nur wenige. Die Rabbinen ermuthigten das Volk durch Wort und Beispiel: sie trieben die Jungen und die Frauen an, zu singen und auf Flöten und Tambourinen zu spielen, damit die Kraft zum Dulden nicht von den Schaaren weiche. Alle ihre Synagogen hatten die Verbannten ohne Vergütung zurücklassen müssen; sie wurden zu christlichen Kirchen eingerichtet. Ein Zug von fünfzehnhundert reichen Familien ging zuerst zu Schiff. Die Haupt-Ladeplätze waren die Häfen von Carthagena, Valencia, Barcelona, Cadix und Gibraltar; die Ziele, wohin die Schiffe sich wandten Afrika, Italien und das Morgenland. Der Dialect der spanischen Sprache, worin die Juden in diesen Ländern noch heute verkehren, ist derselbe geblieben von jenen Jammertagen her. Einige gingen auf der See zu Grunde durch Schiffbruch, Krankheit, Gewaltthätigkeit oder Feuer, Andere an den Küsten, an welchen sie gelandet waren, durch Hunger, Erschövfung, Todtschlag und andere hundertfältige Ungastlichkeit. Viele wurden als Sclaven verkauft oder durch verwilderte Capitaine über Bord geworfen, Eltern mußten ihre Kinder hingeben für Brsd. Auf einem Schiffe, das mit Exilirten zu voll gefüllt war, brach eine pestilenzartige Krankheit aus; derCapi, tain fetzte auf einer wüsten Insel Alle an's Land, wo die Armen dann vergebens nach Hilfe sich umsahen. Die Wenigen, welche diese Tage des Grauens dort überlebten, wußten davon zu erzählen. Eine Mutter, mit zwei Kindern auf den Armen, wankte neben ihrem kranken Manne dahin und hauchte vor Erschöpfung auf dem Wege den letzten Athem aus; da brach auch der Mann neben seinen zwei Kleinen ohnmächtig zusammen; als er wieder zur Besinnung kam, war diese vor Hunger gestorben. Er bedeckte ihre Leiber mit Sand und — „Gott meiner Väter " schrie er zum Himmel, „sieh', das grause Elend will mich wegtreiben von Dir, weil ich nicht zum Verräther werden wollte an Deinem Gesetze; aber ich bin ein Jude und ein Jude werde ich bleiben!" Mit den vollgepfropften Schiffen landete eine todtbringende Seuche im Hafen von Neapel; die Einwohner wurden angesteckt und die Zahl Derer, welche daran starben, wird auf zwanzig Tausend

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