Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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606 oder jenen als Angeber, dadurch ist ja das Princip des PaufchalirenS38) entstanden. . Tarnower schien eine Ablenkung von dem Gespräche zn versuchen, aber Veronika hatte nicht die Absicht, den Conversationsstoff fallen zu lassen und sie erwiderte: „In den meisten Fällen ist es in der That so wie Du sagst, lieber Mann; aber in einem Falle hatte mein erster Gatte die volle Ueberzeugung, daß Oppert einen braven, würdigen, von Jedermann in der Gemeinde geachteten Mann bei der Steuerbehörde denunzirte." Tarnower schien nicht neugierig zu seiu, aber seine Schwester wandte sich jetzt an ihre Schwägerin. „Bon wem erzählte Dein erster Gatte, daß Oppert ihn denunzirt hätte, und wie hatte er dies erfahren?" „Oppert hat Reb Zodok Erdmann bei der Steuerbehörde denunzirt, mein Mann war zufällig im Amte anwesend, als Oppert hinkam und im anstoßenden Zimmer ziemlich genau angab, wo Reb Zodok jetzt sein ganzes Vermögen in Baarem liegen habe, da dieser — er war ein wohlhabender Rauchwaarenhändler — sein Lager geräumt habe und in kurzer Zeit zur Leipziger Messe zum Einkäufe fahren würde. Vielleicht hatte der plötzliche Tod deS armen Reb Zodok, den, wie unS Allen noch erinnerlich, eine Wagendeichsel in die Brust stieß und ihn zu Tode verwundete, eine Untersuchung nicht aufgehalten, aber fast gleichzeitig hieß eS, sein eigener Buchhalter, Simon Reding, hätte das ganze Vermögen gestohlen, man erzählte damals , der bis dahin unbescholtene junge Mann hätte die Verwirrung, welche der plötzliche Tod seines Chefs hervorgerufen, zu dem Diebstähle benützt, und sein Sohn Markus gab vor Gericht unter Eid an, daß das gesammte Baargeld — er nannte eine Summe von zwölftausend Gulden — fehle und wenn ich nicht irre, hatte auch Oppert als Zeuge beschworen, kurz vor Erdmann's Ableben einen so großen Betrag bei ihm im Schreibpulte gesehen ^u haben, und da sich merkwürdiger Weise auch ber dem Diebe nicht ein Gulden vorfand, — man behauptete, der Verbrecher hätte bei der Ankunft mehrerer Personen, die ihn überrasch- 38) Um den eben so peinlichen als folgenschweren Hausdurchsuchungen und sonstigen Nörgeleien zu entgehen, pauschalirten sich einige große Kaufieute, das heißt, sie erklärten, durch eine Reihe von Jahren eine größere Summe zahlen zu wollen, als fie gesetzlich verpflichtet wären, dagegen dursten sie während dieser Heit weder in der Steuervorschreibung erhöht, noch sonst wie belästigt werden. ten, ein Packet in's Feuer geworfen, — so wollte die Steuerbehörde nach dem alten Sprüchworte: „Wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren," nichts mehr mit der Sache zu thun haben". „Ich bin wahrhaftig nicht schadenfroh," meinte Fanni Hanau, und ihre bleichen Wangen rötbete« sich; „aber Eines freut mich doch bei dieser traurigen Geschichte, daß der Denunziant, mag er nun gewesen sein wer immer, in diesem Falle seinen Zweck verfehlte, seines Antheils an dem zu confiscirenden Vermögens verlustig wurde." „ES ist wahr," sagte Veronika, „daß er diesmal den erwarteten Beuteantheil verlor, aber in diesem Falle war seine Absicht nicht auf materielle« Gewinn allein gerichtet; — er beabsichtigte auch sich an der Familie Erdmann zu rächen. Zodok Erdmann besaß eine schöne Tochter, — Mindel hieß man sie als kleines Mädchen, später, als sie größer und die Einführung deutscher ConseriptionSnamen Mode wurde, hieß man sie Wilhelmine; — diese begehrte Oppert zum Weibe und da seine Werbung zurückgewiesen wurde, wollte er sich an Vater und Tochter rächen." „Wieso kannst Du das Alles so genau wissen?" frug Tarnower seine Frau fast streng, „schau! diese ganze Begebenheit, die Du da mit allen Nebenumständen erzählst, als wenn Du vom Anfang bis zum Ende dabei gewesen wärst, passirte ja vor etwa sieben oder acht Jahren, wo Oppert schon längere Zeit bei mir im Hause war, ich hätte ja das Alles genauer wissen müssen! — Allein, so geht'S im menschlichen Leben, die Thatsachen werden bis zur vollen Unkenntlichkeit entstellt und je toller und unglaublicher eine Geschichte lautet, desto lieber wird sie angehört und geglaubt. Mein Buchhalter Oppert stand in freundlichen Beziehungen zu Reb Zodok Erdmann, war sein Hausfreund, und da hatte er diesem, der TagS zuvor oder vielleicht sogar noch an seinem Todestage bei ihm war, gesagt, daß er zwölftausend Gulden Papiergeld liegen habe . . .Tarnower hielt einen Augenblick inne, „ich weiß wahrhaftig nicht mehr, waren'- zwölftausend oder nur zwölfhundert, mich ging ja die Geschichte nichts an.... gar nichts .... und da wurde er dann von Reb ZodokS Sohne, von Markus Erdmann zur Zeugnißablegung aufgefordert, — nun, da mußte er wohl oder übel die Wahrheit beschwöre», daß er kurz vorher bei dem Verstorbenen zwölftausend Gulden gesehen habe!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).