Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1878)
- Date
- 1878-06-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ri richtige Feiertagsbehagen zu fehlen. — Fanni erkannte es, ihr Bruder war verstimmt, und — sie kannte das Wesen ihres Bruders, den sie nun seit zwölf Jahren täglich zu studiren Gelegenheit fand — eS war bei ihr kein Zweifel darüber, er beabsichtigte ihnen eine Mittheilung zu machen; — «nd daß er sichtbarlich schon mehrmals das Gespräch eröffnen hatte wollen und sich hierzu nicht entschließen konnte, bewies ihr, daß jene — die Mittheilung nämlich — eine für ihn unangenehme fein müsse. „Schon gestern hat mich Oppert, nfein langjähriger Buchhalter, um eine Unterredung auf heute nach Schul ersucht," begann er endlich, „und ich habe ihm diese billig nicht abfchlagen können; er ist ja seit zwölf Jahren in meinem Hause, hat mir große Dienste geleistet — kurz, ich achte und liebe Oppert... in der That," versicherte Tarnower noch einmal, als wenn ihm Jemand widerspreche oder er eS sonst auS einem Grunde nothwendig fände, diesen Ausspruch zu bekräftigen. „Sonderbar," meinte seine Schwester, „ich glaubte Dich doch genau zu kennen, aber mein Lebtag hätte ich nicht gedacht, daß Du — Oppert lieb hättest .... ich glaubte immer, er wäre Dir nur in Deinem Geschäfte unentbehrlich. ... Ja, ich hätte fast gemeint, Du hättest eine gewisse Abneigung gegen ihn. Du weißt es, lieber Bruder, ich halte mich nicht für klug und bin es auch wahrhaftig nicht; aber wen ich liebe, den beobachte ich genau und pstege ihn auch richtig aufzufassen; — und da schien es mir zuweilen, als wenn Deine fest übereinandergepreßten Lippen und die ernsten Micke, die Du Oppert oft nachwirfst, keine Zuneigung zu ihm zeigen, und daß Du nur bestrebt bist, Dir den unentbehrlich gewordenen Diener zu erhalten, und deßhalb manche gerechte Rüge unterdrückst — ich kann mir's denken, daß ein Commis, der in alle Deine Geschäftsgeheimnisse eingeweiht ist, mit einer gewissen Schonung behandelt werden muß, schon die unselige Judensteuer35), die wie ein 35) Maria Theresia hatte die Juden auf völlig unerwiesene Behauptungen hin gegen alles Recht aus Böhmen vertrieben, was nicht nur in allen Theilen der gebildeten Welt gerechte Entrüstung, sondern auch die Vorstellung mehrerer Mächte, namentlich der holländischen Republik und der englischen Regierung, hervorrief, welche sich in hohem Grade für die unglücklichen Vertriebenen interessirten und auch die Zurückberufung derselben erlangten. Die böhmische Judenschaft, welche wohl nicht wußte, mit welcher Energie sich mächtige Protektoren ihrer annahmen, sandte mittlerweile eine Deputation an die Kaiserin, welche sich zu der Zahlung einer drückenden Steuer verpflichtete, wenn den Juden die Rückkehr gestattet würde. Man nahm diesen Vorschlag an und war hierdurch schon die schmachvolle Verleumdung — schmachvoll für den Verleumder — in eklatantester Weise widerlegt. Die damalige Re: gierung wollte von den Juden eine möglichst hohe Steuer erpres- Damoklesschwert über jedes Juden Haupt schwebt, nöthigt zu großer Vorsicht " „Ah! was schwatzest Du da!" fuhr Tarnower hastig auf, „weßhalb hätte ich Ursache, meine wahre Gesinnung vor Oppert zu verheimlichen? Ich wüßte nicht, was ich vor Oppert oder irgend einem Menschen zu verheimlichen hätte — wahrhaftig nicht! — Fanni Hanau war, durch ihres Bruders Heftigkeit erschreckt, noch um eine Nüance bleicher geworden und sagte leise: „Ich bedaure, Dich durch meine Worte gereizt zu haben, und es bedarf wohl nicht der Versicherung , daß dieses nicht in meiner Absicht lag . . . vielleicht habe ich mich durch meine Antipathie gegen Oppert verleiten lassen, eine gleiche bei Dir vorauszusetzen . . ." „Sie ist aber nicht berechtigt, sie ist vollkommen unbegründet, Oppert ist ein ganz anständiger Mann, klug, tüchtig im Geschäft, mir treu ergeben, und hat mir schon manchen großen Dienst erwiesen." „Ich bin sonst nicht so glücklich, mit meiner lieben Schwägerin übereinzustimmen," meinte Veronika mit einem ironischen Lächeln; „aber darin bin ich auch ganz ihrer Ansicht, mir mißfällt dieser Oppert . . . und auch das will ich offen gestehen, wenn ich nicht glauben müßte, daß er Dir in Deisen, schraubte ihre Forderungen entsetzlich hoch, und die Juden' von dem Wunsche beseelt, in das Land, das sie seit Jahrhunderten als ihre Heimath betrachtet hatten, in ihre verödeten Wohnungen und Gotteshäuser, vor deren Thüren Gras wuchs, zurückkehren zu dürfen, versprachen einen jährlichen Steuerbetrag, der die Kräfte der böhmischen Judenschaft bei Weitem überstieg. Nachdem dieser unglückselige Vertrag festgestellt war, erfuhren die Juden, daß sie wahrscheinlich auch ohne dieses schwere Opfer in Folge dringender Vorstellungen der fremden Mächte zurückgerufen worden wären; allein die Regierurg hielt an ihrem Vertrage fest, und im Laufe der Zeiten gestaltete sich die Judensteuer für die böhmischen Juden zu einer so enormen, daß sie, so unglaublich es auch klingen mag, cle jure fünfzehn Procent des Vermögens, in welches auch nicht fruchtbringende Theilc, Gold, Silber, ja sogar zweifelhafte Aus stände eingerechnet wurden, betrug, ein Procentsatz, der unausweichlich zur völligen Verarmung der böhmischen Judenschaft hätte führen müssen. Jeder Jude mußte eine Steuerfassion cinrcichen und unrichtige Angaben wurden unnachsichtlich mit Vermögensconfiscation gestraft. Es war natürlich, daß Jedermann durch List und Bestechung die ihn erdrückende Judensteuer herabzumindern versuchte, was bei der Corruption der damaligen Beamten auch gelang. Diese schändliche, unerschwingliche Vermögenssteuer schädigte nicht nur die böhmische Judenschaft materiell, sie hatte auch einen demoralisirenden Einfluß. Da dem Denuncianten, der über unrichtige Angaben eines Fatenten der Behörde Aufschlüsse ertheilte, ein großer Procentsatz des confiscirten Vermögens zufiel, so waren Delationen und plötzliche Ueberfälle an der Tagesordnung. Später, mit der fortschreitenden Civilisation und der zunehmenden Achtung vor der öffentlichen Meinung, ließ dieses schmachvolle Gebühren etwas nach. Kaiser Ferdinand der Gütige hob diese Steuer im Jahre 1846 auf, nachdem sie beinahe em Jahrhundert lang am Marke der böhmischen Juden gezehrt hatte. 36) Chevermittler.