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Der Israelit · 1878-06-12 · Heft 24 (12.6.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 24 (12.6.1878)
Date
1878-06-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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586 sorgfältig jedes Härchen verhüllte; sondern sie hatte einen Mittelweg eingeschlagen, sie trug künstliche nachtschwarze Locken. Links von Tarnower saß dessen jüngere Schwester Fanni, deren Gatte früher ein wohlhabender Kaufmann gewesen, aber durch baS Zusammentreffen mehrerer Unglückfälle fein Vermögen verloren und nach achtjähriger Ehe seine kinderlose Wittwe mittellos zurüügelaffen hatte. Fanni Hanau lebte als Wirtschafterin und als Erzieherin seiner Tochter in Tarnower's Hause, noch von der Zeit her, als er Wittwer gewesen, und hatte zu ihrer Nichte Karoline eine große Neigung gefaßt, die von dem schönen begabten Mädchen dankbar und innig erwidert wurde. Fanni Hanau hatte bei Tische ihr seidenes Kleid gegen ein einfaches Kattunkleid gewechselt. Ihre große Sanftmuth sprach sich aus dem angenehmen, bleichen, ovalen Gesichte und den gutmüthigen blauen Augen deutlich aus, doch erschien die zweiundvierzigjährige blaffe, anspruchslose, hübsche Frau der prätentiösen Schönheit der Hausfrau gegenüber fast häßlich. — Als die zweite Frau in's Haus kam» war Fanni Hanau sofort bereit, ihr gerne den Platz zu räumen und das Haus zu verlassen; aber dagegen war von allen Seiten Protest erhoben worden. Zuerst war es die junge Frau selbst, welche dies in keinem Falle gestatten wollte und ihrer Schwägerin versicherte, daß sie sich glücklich schätze, ihre Tochter — Veronika hatte eine Tochter aus erster Ehe, Therese, mitgebracht -- unter der Leitung einer so gebildeten Dame wie sie — Fanni Hanau — es sei, zu stellen, und daß sie sie zu ewiger Dankbarkeit verpstichten würde, wenn sie neben Karolinen- Erziehung anch jene ihrer Therese übernehmen wollte. Eben so wenig wollte Tarnower selbst von dieser Aenderung in seinem Haushalte hören. Er war ein sehr stolzer Mann, dem seine Ehre über Alles ging; — nach der Ehre, der er die allerschwerften Opfer bringen konnte, liebte er Geld und Bequemlichkeit, — und wenn seine Schwester sein Haus verließ, so 'hätte dies seiner Ehre, Geld- und Bequemlichkeitsliebe weh gethan. Er mochte es nicht dulden, daß eine ihm so nahe stehende Person wie es eine Schwester ist. nicht auf glänzendem Fuße leben sollte, — er wollte nicht, daß ihn seine Schwester, ohne sich ihm dafür nützlich zu machen , eine größere Summe koste, — er wollte endlich nicht eine vortreffliche Haushälterin , die genau und pünktlich allen seinen Wünschen entgegenkam, entlassen. Die Stellung seiner Schwester in seinem Hause erschien von Außen glänzend, und er liebte dies, weniger weil es seine Schwester, als weil es seine Schwester war. Endlich hatte auch Karoline, die, als der Vater vor fünf Jahren die zweite Ehe einging, fünfzehn Jahre zählte, erklärt, nur dann im väterlichen Haufe bleiben zu wollen, wenn auch Tante Fanni da blieb, — und wenn diese auch nicht durch äußere Nothwendigkeit dazu gezwungen gewesen wäre, hätten schon die Bitten ihrer Nichte Karoline es ihr unmöglich gemacht, ihres Bruders Haus zu verlassen. Sie hatte von ihres Bruders Launen viel zu ertragen, und auch ihre Schwägerin, die Frau des Hauses, besaß eine Meisterschaft darin, sie ohne nachweisbare Absicht in empfindlicher Weise zu quälen und zu verletzen. Neben Tante Fanni saß Caroline, TarnowerS Tochter erster Ehe, die stets sein einziges Kind geblieben war. Das war ein prächtiges resolutes Mädchen, blondhaarig, rothwangig, stark und kräftig, ein merkwürdiger Gegensatz zu ihrem Vater, wenn auch von Jedermann mit Reckt behauptet wurde, sie sehe ihrem Vater, wie dieser noch vor sieben, acht Jahren ausgesehen, durchaus nicht unähnlich. Seit dieser Zeit nämlich mußte sich ein heimtückisches, körperliches Nebel,, dem die Aerzte nicht auf die Spur zu kommen vermochten, bei dem früher starken, kräftigen Manne eingestellt haben, was aber weder i h n hinderte, um die Hand der schönen Wittwe zu werben, noch diese, die Werbung des reichen angesehenen Mannes zurückznweisen. Ein ebenso merkwürdiger Abstand wie zwischen Abraham Tarnower und seiner Tochter bestand auch zwischen Veronika und ihrer Tochter Therese. Diese war von Natur aus ein schönes Mädchen, aber feit einer Erkältung, die sie sich auf einem Purimballe, den sie in Begleitung ihrer Mutter besucht hatte, zngezogen, war sie lungenleidend geworden, litt an Blutspucken und siechte trotz aller angewandten Mittel unrettbar hin. Man hatte schon den Nachtisch, feine Conditoreien und edles Obst, aufgetragen, das Tischgebet war schon verrichtet worden und der Diener — Meschores oder Jung nannte man ihn damals — hatte schon den schwarzen Kaffee in goldgeränderten Tassen von feinem Porzellan aufgetragen. Die beiden Mädchen baten um die Erlanbniß, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, und Tarnower blieb mit seiner Frau und Schwester allein zurück. Diese brachte ihm nun seine lange türkische Pfeife, einige Fidibusse und stellte eine brennende Wachskerze vor ihm nieder. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaetion: Di. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz lMainzer Anzeiger).

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