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Der Israelit · 1878-06-12 · Heft 24 (12.6.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 24 (12.6.1878)
Date
1878-06-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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581 es nicht nur die gedankenlosen nieder« Volksschichten, dann sind es auch die gebildeten Denker, welche erst an der geschaffenen Veränderung die Macht des Gedankens zu würdigen wissen. Diese an und für sich gerechtfertigte Anschauung hat in ihren Auswüchsen die Sucht nach Veränderung und den Radikalismus geschaffen, welcher heute in fast allen Zweigen der Wissenschaft Ton angebend geworden ist. Man erblickt eben den höchsten Triumph menschlicher Weisheit in der Befähigung, Neues an die Stelle des Alten, lleberkommenen zu fetzen. Der Reiz der hierdurch entstandenen Veränderung umstrickt die Geister, auch die hellsten, so daß sie in vielen Fällen sich zu fragen vergessen, ob denn das Neue wirklich immer verdient, das Alte zu verdrängen, ob man nicht etwa das Alte bloß deßhalb bekämpft, weil es alt und sich für das Neue nur deßhalb begeistert, weil es eben neu ist. Daher kommt es denn, daß der Gedanke, der heute Millionen begeistert, nach nur kurzer Zeit von einem andern verdrängt wird, daß eine Hypothese die andere aufhebt, ein Philosophem das andere bekämpft, und geradezu als absurd hinstellt, was man bislang als Ausfluß höchster menschlicher Weisheit angestaunt hat; was Wunder, daß den Aussprüchen solcher Weisheit der Sporn abgeht, der selbst den Einzelnen geschweige denn ein ganzes Volk zu einem Leben begeistern könnte, das in allen seinen Aeußerungen dös Gepräge dieser Weisheit an sich trüge. Wer wollte auch mit Begeisterung eine Idee erfassen, und gar mit Aufopferung eines ganzen Lebens festhalten, wenn er sich sagen muß, das, was ihm heute Gegenstand der höchsten Weisheit und Hingebung erscheint, könne morgen schon als „überwundener Standpunkt" von ihm selber belächelt werden? Den Aussprüchen unserer Weisen mag allerdings der bestechliche Flimmer solcher Veränderlichkeit und Beweglichkeit abgehen, dafür haben sie aber auch nicht die verhängnißvollen Folgen zu fürchten, unter welchen unsere moderne Weisheit so vielfach leidet. pm dd \x ,D'yitDj nnDDDDi nmama D’o:n nm ,nncDD3i ">d6 notm? ^b^dd mm nan dt «Ci D’"Dn mm nan *)** ->rp ^on nt “iddd hd r* mm nan nan me n hjpbj no njpDJ V'n onrr _ .non eins „Beweglichkeit und Veränderlichkeit mögen sonst den Treibstachel zu vielen Bestrebungen charakterisiren; die Worte der Thora gleichen festen unverrückbaren Pflöcken.. Und es sind keine gewaltsam eingetriebenen Pflöcke, die dem Boden, der sie trägt, Raum und Kraft entziehen, sie sind eingestampft und tragen Früchte. Sie sind eben nicht unfruchtbar, weil sie unwandelbar sind." (Chagijah 3.) >' Wo ist die Erklärung für diese wunderbare Erscheinung zu suchen, die unsere nach Jahrtausenden zählende Thora trotz ihres hohen Alters ewig neu, trotz ihres festen unwandelbaren Standpunktes, in ungeschwächter Fülle und Fruchtbarkeit erscheinen läßt? Ein Blick auf die Träger, die Lehrer dieses Gesetzes, auf die Art ihrer legislatorischen Thätigkeit, zeigt sofort das Kriterium, welches sie von den Weisen anderer Kreise entschieden trennt und ihre Aussprüche zu Treibstacheln und eingepflanzten Pflöcken machte. Durchgedrungen von dem Bewußtsein, daß es Gottes Gesetz ist, dessen Kenntniß und Erkenntniß sie ihr ganzes Leben geweiht hatten, wußten sie, daß ihre Thätigkeit keine originelle, schöpferische, sondern nur eine beschützende und erhaltende sein könne. Ihre eigene menschliche Weisheit diente ausschließlich dem Ausbau der ihrer Pflege anvertrauten göttlichen, sie verstanden die Anforderung, 'rnv^O re* omaan, „hütet das^von mir zur Hut Uebergebene" (3. B. M. 18, 30) dahin, daß die Gesetzeshut selber der Gegenstand ihres Hütens fein solle*), und widmeten der Lösung dieser Aufgabe, fast wörtlich, jeden Athemzug ihres Lebens. „Rabbi Akiba sagte: Lerne Thora in der Jugend, lerne Thora im Alter, sammle Schüler um dich in der Jugend, sammle Schüler um dich im Alter, denn so sagt Salomo: Morgens streue deinen Samen aus, aber auch Abends laß' deine Hand nicht ruhen." (Jebamoth 62.) Rabbi Jonathan lehrte: Selbst in der Todesstunde versäume das Lehrhaus nicht, selbst in der Todesstunde beschäftige dich mit Thora. Resch Lakisch sagte: Die Worte der Thora bleiben nur bei dem, wer ihrethalben selbst in den Tod geht. (Sabbat 83.) Ben Bag-Bag sagte: Wende die Thora um und wieder um, denn in ihr ist Alles enthalten, in ihr gewinne Einsicht, in ihr werde alt und grau, von ihr lasse nicht, denn es gibt Nichts Besseres als sie. (Aboth V. Ende.). Männer von solchen Principien, die so ihr ganzes Streben der Verwirklichung des Ideals weihten, nicht mehr und weniger als schützende Umfriedigung für Gottes Wort sein wollen, waren frei von dem eitlen Verlangen, im eigenen Lichte schillern zu wollen, waren frei von jeder Anwandlung neidischer Ehrsucht, die Niemanden neben sich duldet; sie durften Gelassenheit im Urtheil und viele Schüler zu ihrer Lebensmaxime machen, weil ihre ganze Lebensaufgabe darin wurzelte und *) Jebamoth 21a.

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