Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1878)
- Date
- 1878-06-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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m 562 schwunden; voll Ernst begegnete sie dem Blicke ihres Onkels. „ES wäre mir in der That angenehm", sprach dieser, „wenn ich mich geirrt." „Ja wohl haben Sie sich geirrt, lieber Onkel." siel Bertha lebhaft ein, „wenn ich es auch nicht in Abrede stellen kann, daß es mich innigst freuen würde, wenn Sie Eduards Bitte berücksichtigen Würden." Der Alte machte eine abwehrende Bewegung. „Seien Sie unbesorgt", fuhr sie fort, „ich werde Sie nicht dazu drängen, denn ich gestehe Ihnen offen, gerade Ihr Zurückweisen unseres sehnlichsten Verlangens hat den Wunsch in mir erweckt, Sie kennen zu lernen." „Ich verstehe Sie nicht, liebes Kind."' „Nicht? — ich hätte gedacht, Sie müßten mich gleich verstehen. Ich wenigstens glaubte Sie zu verstehen, als ich durch meinen Mann erfuhr, daß Sie seine Bitte schroff und entschieden zurückgewiesen. Sie wären sich selbst nicht consequent geblieben, hätten Sie dieselbe nicht zurückweisen wollen. Daß Sie aber trotz Allem, was Sie in jüngster Zeit getroffen, sich selbst consequent geblieben sind, daläßt für mich Ihr ganzes bisheriges Verfahren in einem andern Licht erscheinen, und das hat den Wunsch nach Ihrer nähern Bekanntschaft in mir erweckt." Freudig überrascht schaute der alte Mann in das feine, geistvolle Antlitz der ihm gegenübersitzenden jungen Frau. „Und Sie sehen in Wirklichkeit ein, daß ich nicht anders handeln kann? " „Ich sehe es ein — so leid es mir thut." „Das freut mich", rief er erregt, „freut mich mehr, als Sie sich denken können. Und wenn ich Ihnen jetzt versichere, daß Ihr Besuch wir Vergnügen — nein mehr als Vergnügen, daß er mir einige aufrichtige Freude gewährt, dann dürfen Sie mich nicht wieder auffordern, meine Worte zurückzunehmen." „Wenn ich Ihnen glauben soll, Onkel", sprach Bertha lächelnd, „so müssen Sie vor Allem das kalte Sie verbannen; kein Onkel, der seine Nichte gern sieht, wird Sie zu ihr sagen." „Nun denn liebes Kind, wenn es Dir Freude macht, will ich gern Du zu Dir sagen. Und ich gebe Dir die Versicherung, daß ich es aufrichtig beklage, Dich erst jetzt kennen zu lernen." Es war ihm ^rnst mit dieser Versicherung; hätte, er seine Schwiegertochter früher gekannt, wie er sie in dieser Stunde kennen gelernt, es hätte gar Manches anders kommen können. »Hugo, Selma, habt Ihr denn eure liebe Tante schon begrüßt?" „O gewiß, wir sind schon gute Freunde. Aber die Kleinen werden hungrig sein, der Tisch ist gedeckt, und die böse Tante läßt sie nicht zum Essen kommen." Sie stand auf und wollte sich empfehlen, aber der Alte drang in sie, sie möge noch verweilen, und auch die Kinder, die schon ganz zutraulich geworden waren, vereinigten ihre Bitten mit den seinen. „Ich bliebe ja gern, wenn ich nur nicht stören würde." „Du störst nicht, Kind, gewiß nicht." „Nun, wenn Sie wollen, daß ich bleiben soll, so setzen Sie sich zu Tisch und lassen Sie auftragen." Zu Susannens nicht geringem Schrecken ging Grün darauf ein und Selma sprang hinaus in die Küche und rief ihr zu, sie möge das Essen hereinbringen. Die einfachen unansehnlichen Gerichte und dazu die ordinären Blechlöffel! — Die treue Alte hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. Doch was sollte sie machen? der Herr hatte befohlen , sie mußte gehorchen — und mit schmerzlichem Seufzer und niedergeschlagenen Blicken stellte sie die Schüssel au^den Tisch und wollte eiligst das Zimmer wieder verlassen, als ihr Herr ihr zuries, noch ein Gedeck zu bringen, und zu ihrem Entsetzen gewahrte sie jetzt, daß die elegante Dame mit am Tische saß, und der Herr hatte ihr sogar schon vorgelegt, und sie hatte schon einen von den ominösen Blechlöffeln in die Hand genommen — es war entsetzlich! — Sie mußte hinauseilen in die Küche, um dort ihren Thränerr freien Lauf zu lassen. Die drinnen im Zimmer hatten jedoch gar kein Verständniß für diesen Kummer, es war eine kleine, aber sehr heitere Tischgesellschaft. Die Speisen waren kalt und sehr einfach, aber gut, zubereitet , die Kinder aßen mit sichtlichem Appetit und der Alte freute sich so innig, in seiner Schwiegertochter eine so einfache, verständige und denkende Frau kennen gelernt zu haben, daß eine Hoffnung, wie er sie längst nicht mehr gehegt, einen Schimmer in sein Herz warf. Er machte den Wirth mit vollendetem Anstand, trotz der einfachen Speisen und der ärmlichen Bestecke, und Bertha fühlte sich ganz behaglich und seltsam angeregt in diesem ihr bisher so fernstehen- : dem Kreise. Es war zum ersten Mal, daß sie an einem wirklich jüdischen Tische sich befand, es kam ihr daher Alles so fremd, so eigen vor. Der Onkel hatte sie eingcladen, an ihrem Mahle Theil zu nehmen und hatte sie gleich darauf aufgefordert, sich zu waschen. Erstaunt hatte sie ihn angesehen; er aber hatte ihr lächelnd zugenickt, während sein