Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1878)
- Date
- 1878-06-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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663 Blick die Kinder streifte. Sie wähnte, er wünsche in Gegenwart der Kinder jede Erörterung zu vermeiden und war schweigend seiner Aufforderung gefolgt. Dann halte er selbst sich gewaschen und die Kinder und dann hatten sich Alle zu Tische gesetzt und während der alte Mann in einer ihr unbekannten Sprache vermuthlich einen Segen geflüstert, hatte er eines der geflochtenen Brode angeschnitten und für jeden ein Stückchen davon geschnitten und dem Beispiel der Andern folgend hatte auch sie dieses Stückchen Brod zuerst zum Munde geführt und nun erst begann die Unterhaltung wieder. Grün war trotz seiner vorgerückten Jahre und trotz Allem, was ihn getroffen, noch immer ein geistvoller und, wenn er wollte, auch ein sehr interessanter Gesellschafter. Die verschiedenartigsten Themata wußte er in die Unterhaltung zu ziehen in einer für Bertha ganz fremden aber sie äußerst ansprechenden Weise. Er wußte auch sie selbst fleißig zum Sprechen zu veranlassen und auch die Kinder. So verging das Mahl unter heiter anregenden Tischgesprächen. Nachdem der Hausherr und die Kinder das Tischgebet gesprochen, erhob sich Bertha. „Es ist zwar durchaus nicht eomme il kaut, gleich nach dem Essen auf und davon zu gehen, aber ich muß es mir dennoch erlauben; ich habe mich gar zu lange hier aufgehalten." „Wir sehen Dich doch recht bald wieder bei uns?" bat der alte Grün. „Wenn Sie es erlauben, Onkel, komme ich gern und oft. Aber, wenn ich das nächste Mal komme, müssen Sie mir einige Fragen erlauben, lieber Onkel." „Ich habe sie heute schon auf Deinen Lippen gelesen", erwiederte er lachend „und freue mich, sie Dir zu beantworten." Sie umarmte die Kinder und reichte dem Alten die Hand, der sie herzlichft drückte. „Eine Bitte lieber Onkel, erlauben Sie, daß die Kleinen morgen Nachmittag ein Stündchen mit mir spazieren fahren?" Die Bitte war dem Alten durchaus nicht angenehm, dennoch konnte er sich nicht entschließen, sie zu verweigern, aber er band es seiner Schwiegertochter auf die Seele, die Kinder nicht von ihrer Seite zu lassen. indem er auf Hugo's Entführung hinwies. Bertha war diese Thatsache nicht unbekannt und sie beruhigte den Onkel, indem sie versprach, die Kinder nicht aus dem Wagen zu lassen und sie selbst wieder in ihre Wohnung zurückzuführen, und nach abermaligem Händedruck entfernte sie sich endlich. Jubelnd sprangen die Kinder umher und freuten sich auf die morgige Spazierfahrt mit der freundlichen Tante, die bereits ihre kleine Herzen im Sturm genommen hatte, aber auch der Alte schritt in angenehm erregter Stimmung im Zimmer auf und nieder und dachte noch nicht an sein gewohntes Sabbatnachmittagsschläfchen, bis die Kinder ihn daran mahnten. Während dessen eilte Bertha ihrer Wohnung zu, sie hatte sich in der That verspätet und dachte eben, eine leerstehende Droschke näher zu winken, als ein ihr selbst unerklärliches Etwas sie zurückhielt. Was würde der Onkel sagen, wenn sie, die so eben an seinem Sabbatmahl Theil genommen, nun gleich darauf nach Hause fahren würde? Nein, sie wollte das nicht thun, lieber eine Viertelstunde später kommen. Eduard hatte ihrer Heimkunft schon voll Ungeduld entgegen gesehen; er fürchtete sehr» sein Vater werde sie verletzen, wie er ja auch ihn so tödtlich gekränkt hatte und athmete daher erleichtert auf, als er sie so frisch und heiter daher schreiten sah. „Nun, wie ist's gegangen? wie hat mein Vater Dich ausgenommen?" rief er ihr schon von Weitem entgegen. „Mit der größten Liebenswürdigkeit", erwiederte sie und berichtete nun ausführlich über ihren Besuch. Eduard staunte, das war mehr, unendlich mehr als er erwartet hatte und auch in seinem Herzen begann die Hoffnung sich zu regen, daß vielleicht seiner jungen liebenswürdigen Frau gelingen könne, was er so oft vergebens erstrebt, eine Aussöhnung mit seinem Vater. Hatte er ihren ersten Besuch mehr wider Willen zugegeben, so eiferte er sie an, recht bald wieder hin zu gehen. Am folgenden Nachmittag hielt, der Verabredung gemäß, Berthas Wagen vor dem Hause ihres Onkels. Der alte Grün war nicht daheim, aber die Kleinen harrten schon voll Ungeduld in ihren Festtagskleidern des ihnen so seltenen Vergnügens. „Es ist ihnen zu gönnen, denarmen Dingern", murmelte Susanne, indem sie die kleine Selma in den Wagen hob und die junge Frau, die dort aaf sie wartete, vertraulich grüßte. Hugo war schon vorausgesprungen. Bertha gab Befehl in's Freie zu fahren. Sie hatte selb?; keine Kinder, aber sie wußte mit den kleinen Leutchen vortrefflich «mzugehen, wußte auf ihre kindlichen Gespräche einzugehen und es ihnen recht traulich und angenehm zu machen. Sie hatte Hugo veranlaßt, ihr von seinem Aufenthalt bei seiner