Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-06-05 · Heft 23 (5.6.1878) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 23 (5.6.1878)
Date
1878-06-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447770--14995-2470926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

558 jungen Mann", frug Reding erschrocken, „er stand in der Blüthe seiner Kraft und Jahre als ich ... . als ich ... . von hier scheiden mußte — er lebt doch .... er wird doch nicht." Wilhemine schüttelte wehmüthig das dunkle Lockenhaupt. „Er lebt.aber wir haben uns entzweit, — schon, daß er Dich verhaften ließ, kann ich ihm nie vergessen . . . ." „Der Schein sprach gegen mich!" rief Reding eifrig." „Du edler Mensch! und Dich konnten sie wie ein wildes, reißend Thier in Ketten legen! — oh! wie mich das schmerzte, Simon, das vermag ich nicht zu schildern.in entsetzlich langen, dangen Winternächten, wenn ich auf meinem Bette lag', und Dein gedachte, Du Schwergeprüfter, Armer! der Du in kalter, nackter Zelle die Kette an Hand und FuU, allein, verlassen, wohl gräßliche, schlaflose Nächte durchwachtest, da blutete auch meine Seele, als läge sie zermartert auf der Folterbank — und ich schrie auf zu dem lebendigen Gotte! — was ich gelitten, Simon, um Dich! — ich kanns nicht schildern — doch .... Du lebst .... Du bist wieder da ... . Gott der Allerbarmende ließ Dich die schwere Geistes- und Körperqual überstehen — ich Hab' Dich wieder — nun ist Alles wieder gut — und ich danke Gott aus voller Seele, daß er mich den Freudentag erleben ließ!" .... Es trat eine kurze Pause ein. „So warst auch Duallein?" frug Reding „seit . . . . dem Tage, an dem ich Dich verlassen, Du trenntest Dich an jenem Tage von Deinem Bruder Markus?" „Wir konnten uns nicht mehr vertragen, — erst sprach Markus hart von Dir, das gab er später auf, als er gesehen, daß es mir zu wehe that — und wir vermieden es von Dir zu sprechen .... ich hatte keinen Menschen, mit dem ich von Dir reden konnte — ich dürfte nur an Dich denken! . . . . als das Trauerjahr verflossen war, da wurde der Riß zwischen uns unheilbar, da ... . wollte Markus, .... da drängte Markus . . . ." Wilhelmine stockte; tiefes Erröthen überflammte ihr herrliches Äntlitz. Reding errieth mit beglückendem Empfinden, was ihm Wilhelmine schämig verhehlen wollte, aber nach so endlos viel Unglück, das er erfahren, lechzte er nach jedem Tröpfchen Glück, und er konnte ihr das Geständniß nicht ersparen, das von ihren Lippen zu hören ihn entzückte, beseligte. „Was forderte, was verlangte er von Dir?" frug er dringend. „Ich solle unter Mehreren, die um mich warben, einen Gatten wählen — und ich . . ." „Und Du?" schrie Reding im Hellen Jubel auf. „Und ich erklärte ihm fest und unerschütterlich, daß ich Dir treu bliebe.bis zu meinem letzten Athemzuge — daß ich nur einen Einzigen zum Gatten wählen würde — nur Simon Reding!" „Mein herrliches Kleinod!" rief Reding tief erschüttert, „das danke Dir Gott! Möge Dein Lohn voll sein vor dem Ewigen!^) Es zeigten sich nun schon am Ende der Straße Männer, die, nachdem sie die Nacht im Gebet und Thorastudium durchwacht, sofort nach Sonnenaufgang den Früh - Gottesdienst besuchen wollten. „Wir müssen uns nun trennen", sprach Wilhelmine, „ich wohne hier im Hause im dritten Stock mit meiner Muhme Kele Liblitz; komme recht bald zu mir — am besten heute Nachmittag; Vormittags bin ich mit der Muhme in der Synagoge", sie reichte ihm die Hand und schlüpfte in's Haus. Reding blieb einen Augenblick von der Ueberfülle des Glücks, das plötzlich unerwartet über ihn herabgeschüttet worden war, wie versteinert stehen. „O! Allgütiger!" sprach er leise, den frommen Blick nach oben gewandt. „Du bist auch allmächtig, allgewaltig! In einer Sekunde hast Du mich aus tiefstem Elende erlöst, und verschönst mir urplötzlich mein Leben mit wunderbarer Helle!" Reding war des Glückes ungewöhnt, die neue Wendung, die sein Leben mit mährchenhafter Schnelligkeit genommen, hatte ihn betäubt; — einen Augenblick war sein lebhaft angeregtes Gefühl auf Kosten des vernünftigen Bedenkens in den Vordergrund getreten, jenes hatte dieses unterjocht, gefangen genommen und eine kurze Zeit hielt er sich für glücklich. Er veränderte nun auch seine äußere Haltung, erhob kühn sein Haupt und schritt, wenn auch immer noch ziellos, doch langsamer und sicherer auftretend vorwärts. (Fortsetzung fol^t.) 33) Ruth C. 2, V. 12. Hierzu drei Beilagen. Berantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.