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Der Israelit · 1878-06-05 · Heft 23 (5.6.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 23 (5.6.1878)
Date
1878-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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557 an ihrer alten, launischen Muhme thun, kann Ihnen nur der Allmächtige lohnen .... Sie müssen noch recht glücklich werden. — hier auf Erden glücklich werden. — Sie müssen einen braven, tüchtigen Gatten bekommen.aber Kind! ich habe es Ihnen schon gesagt, es war unnöthig mich mit der Lampe über die dunkle Stiege hinunterzubegleiten, ich hätte mich die bekannte Treppe schon heruntergetastet — und Sie haben die halbe Nacht durchwacht , schonen Sie Ihre schöne Augen, die Sie auch sonst übermäßig anstrengen, — der alten Frau geht es gut. legen Sie sich nieder und schlafen Sie sich ganz gehörig aus, Sie haben es nöthig, liebe Wilhelmine! — und guten Jontow!" Ein Moment, ein einziger unendlich kleiner Theil des endlos großen Zeitenrades kann, wenn es Gott so beliebt, in ein Menschenherz in wunderbarer Weise Trost und Glück bringen. Eines hatte Reding jetzt — gerade jetzt, wo er allgewaltiger , übermächtiger Verzweiflung zu erliegen drohte, — erfahren, was ihm — er wußte im ersten Augenblicke nicht weshalb, unendlich wohl that. Wilhelmine Erdmann war frei, und als der Arzt davon gesprochen, daß sie einen Galten finden würde, da kam es ihm vor — ob er sich nicht getäuscht hatte? — als wenn ihrem Busen ein tiefer hörbarer Seufzer entstiegen wäre, o! kühne undenkbare Vorstellung! sollte Wilhelmine ihn — wenn auch nicht lieben — der Gedanke schien ihm unter den bestehenden Verhältnissen Heller Wahnsinn, — aber doch bemitleiden, nicht verabscheuen?! Er blieb einige Sekunden gedankenschwer, von seltsamen Gefühlen übermannt, noch immer den Blick zu Boden gesenkt, stehen. Die Tritte des Arztes verhallten in dem öden Gäßchen, — nun dachte Reding, wäre Wilhelmine wohl in ihr Haus, zu ihrer alten Muhme zurückgekehrt, er wollte jetzt zaghaft den Blick erheben, um wenigstens das Haus zu sehen, in dem das einzige Wesen, das ihm theuer war auf Erden, lebte, als er plötzlich einen lauten Ausruf hörte, sich plötzlich von zwei Armen umschlungen fühlte . . . Wilhelmine Erdmann hing schluchzend an seinem Halse, — das scheue, schüchterne, reine Mädchen, das ihn. ihren Verlobten früher nur erröthend angeblickt, schamhaft erzittert war, wenn er zufällig ihre Hand streifte, hing auf offener, wenn auch jetzt menschenleerer Straße an seinem Halse! Ein Gefühl des höchsten Glückes durchströmte mit einemmale erfrischend und beseligend sein Herz; er war nicht von Allen verachtet und verstoßen — es gab noch einen Menschen, der an ihm mit treuer, inniger unerschütterlicher Liebe hing, und dieser eine Mensch war — Wilhemine Erdmann, das Mädchen, dem er in reiner inniger Neigung zugethan war! — Simon Reding war fromm und gläubig bis in den Urgrund seiner Seele, und als er sich plötzlich in einem Momente von endloS tiefem Elend zur höchsten Wonneseligkeit emporgehoben fühlte, war trotz der hochauflodernden Lebhaftigkeit seines Empfindens, doch der erste Gedanke, daß Alles von Gott komme, daß jedes Ungemach und jedes Glück, das der Mensch empfängt, vom Allvater stamme — daß der allerbarmende Gott, der auch ein allmächtiger Gott ist. seiner nicht vergessen, daß sein allschauendes Vaterauge auch gnadenvoll auf ihn herabgeblickt hatte! . . . . Einige Minuten lang war er sprachlos vor Entzücken , und blickte nur in das Antlitz des schönen Mädchens, an dessen langen Wimpern Thränen zitterten, während ein glückliches, wehmüthig süßes Lächeln, ihre Lippen umspielte. „Simon, mein armer, armer Freund!" rief das Mädchen, „ich habe mich unendlich nach Dir gesehnt — und nun seh' ich Dich wieder, habe Dich wieder .... ich fürchtete schon .... ich würde Dich nie mehr auf Erden Wiedersehen! . . . . ich fürchtete, Du wärst dem unverdienten, namenlose Elende erlegen . . . . o! Gott im Himmel wie kann ich Dir danken!" Jetzt erst fand Reding das Wort und in wildüberschäumendem Gefühle rief er: „Wilhemine, ist's wahr? Ist es nicht eine Täuschung, nicht ein schönes Traumbild, das meine armen Sinne blendet, und plötzlich in Nichts zerinnt? — o! nein, nein! das kann nicht sein, das wäre, nach dem, was ich erlitten, zu hart! .... nein! nein! es ist goldne herrliche Wahrheit!. Also Wilhemine! Du holde, süße Wunderblume! .Du hassest mich nicht, Du verachtest mich nicht? Du sagst, ich habe unverdient gelitten . ... Du glaubst nicht, daß ich ein Verbrecher, ein Dieb bin! und — «nd — Du liebst. den armen entlassenen Kettensträfling noch? . . . . o! ich lest das Alles in Deinen schönen, lieben, schwarzen Augensternen, — aber ich fürchte fast, meine arme Sinne sind in langer, schwerer Kerkerhaft stumpf geworden .... laß mich's auch hören, mit Deiner schönen Stimme, silberhellem Klang!" „Ich Dich verachten? ich glauben, daß Du ein . . . . ah!" Wilhemine fuhr sich mit einer krampfhaften Bewegung an's Herz, als würde der Gedanke ihr einen stechenden Schmerz verursachen . . . . „Du bist mein Höchstes auf der irdischen Welt, mein Alles .... Du bist der Einzige auf Erden, der mir geblieben.meine Mutter starb früh, mein Vater ist todt . . . ." „Du hattest einen Bruder, einen wackeren

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