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Der Israelit · 1878-06-05 · Heft 23 (5.6.1878) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 23 (5.6.1878)
Date
1878-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wer auch nur je einmal vorurteilsfrei an diese Aussprüche herangetreten, ihnen mit der Pietät ins Auge geschaut hat, die sie als das mächtige, geistige Band eines in allen Himmelsfernen zerstreuten Volkes beanspruchen dürfen, wer je auf den Einfluß geachtet hat, den diese Aussprüche auf das Volk üben, in dessen Mite sie gesprochen und beherzigt wurden, der wird als erste in die Augen springende Eigenthümlichkeit derselben finden: Aussprüche der Weisen, gleichen Treibstacheln. Man kann sich nicht in die Lehre und das Leben unserer Weisen vertiefen, ohne den mächtigen Trieb zu empfinden, ihren leuchtenden Idealen nachstreben zu wollen. Sie kannten eben die Kluft nicht, die sonst zwischen Lehre und Leben klafft, ihr Leben war eine Verkörperung ihrer Lehre, ihre Lehre eine treues Abbild ihres Lebens. Ihre Weisheit verstand sich nicht auf die bei uns so geläufig nachgebetete Scheidung zwischen dem Rabbinen und Schriftsteller, die es vollständig in Ordnung findet, daß die Hand, welche vor aller Welt die Feder zur Leugnung unserer Thora führt, daß dieselbe Hand vor aller Welt die Thora mit den Worten emporhebt: Das ist die Thora, die Moscheh den Kindern Israel brachte. Wer seine Lehre im praktischen Leben nicht thatsächlich zum Ausdruck bringt, für dem wäre es besser, er existirt nicht, lautet ihr Verbiet5). Wissenschaft und Studium der Wissenschaft stehen ihnen nur deßhalb groß da, weil sie und wenn sie zur That führen^), ohne diesen Entschluß zur That, sprechen sie dem bloßen Theoretiker die Möglichkeit ab, daß sich ihm auch nur die richtige theoretische Einsicht erschließe7). — dj’d 8pö) ist die stehende Form füh die Frage nach der praktischen Verwerthung der theoretischen Forschung. Es ist keine Kathederweisheit, die Weisheit unserer Weisen, die den Hörer wohl die Tiefe des Gedankens, die treffende Form des Ausdrucks bewundern lassen kann, ihn im Uebrigen aber kalt und teilnahmslos läßt. Ihre Weisheit trägt in jedem Zuge das Gepräge des ernstesten Ernstes, der Lauterkeit des Herzens, dem sie entströmt, und der unerschütterlichen Ueberzeugungstreue, die ohne Bedenken jeden Augenblick bereit ist, Gut und Blut für das einzusetzen, was sie einmal als wahr erkannt hat. Die Moral, welche sie lehren, die Weisheit, 402) 8^ n: nwy uw noibn (5 6) Kiduschin 40 b. niffJ/0 'N'v 8’2Dff /N). 7) Midrasch zu Ps. 111. DrP1Dlt>t> 2U3 ÄBT 8^8 "ID83 8t> welche sie predigen, die Tugenden, die sie fordern, demonstriren sie nicht an abstrakten Philosophemen oder unerreichbaren Idealen; sie weisen auf sich selbst oder ihre Umgebung hin. 8)8 p)2 Handelt, so wie ich handele! konnten Rabbi Jochanan und Rab sagen, wenn sie lehren wollten, was Kiddusch Haschem und Vermeidung von Chillul Haschem bedeute^). „Was heißt redlich handeln?" fragt der Talmud8 9). Wer hier eine gelehrte Abhandlung über Redlichkeit und eine Beleuchtung über Collissionsfälle mit dem practischen Leben, als Antwort erwartet . wird sehr enttäuscht. — „Redlich handeln heißt, handeln, wie es Abba Chilkijah gethan hat." Sonst nichts. Redlich denken heißt, wie Rab Safra, denken, die Heiligkeit des Eides achten, heißt, ihr gerecht werden, wie es Rabbi Jochanon gethan, Bestechung scheuen, heißt, sich Rabbi Jsmael ben Elischa zum Beispiel nehmen10). — Bei ganz anderer Gelegenheit werden gelegentlich die einzelnen Züge auf die hier Bezug genommen wird, erzählt, die Stelle selbst belehrt uns nur über Namen von Persönlichkeiten als das Ideal hoher Tugenden. Wer kann die Lehre von Männern gleichgiltig hinnehmen, die so mit ihrem ganzen Leben dafür eingestanden, die für's Leben lehrten und für die Lehre lebten und für die Lehre starben, wenn sie nicht mehr für sie leben konnten? „Rabbi Jochanan ging einmal in Begleitung R. Chijah's von Liberias nach Sephoris. Bei einem Felde angelangt, sprach Rabbi Jochanan: Dieses Feld gehörte mir und ich habe es verkauft um Thora lernen zu können. Sie kamen an einem Weinberg, und dann an einer Olivenpflanzung vorüber. Diese Grundstücke gehörten mir, sprach Rabbi Jochanan, und ich habe sie verkauft um Thora lernen zu können." Da weinte R. Chija. — Warum weinst Du? fragte ihn R. Jochanan. Ich weine, weil Du Dir gar Nichts für Dein Greisenalter zurückgelassen hast. — Dünkt Dir das so gering, was ich gethan habe, erwiederte Rabbi Jochanan? Habe ich doch für irdische Güter, geistige eingetauscht! — Als R. Jochanan starb, sagten seine Zeitgenossen: Wenn Jemand seinen ganzen Reichthum hingäbe, er wäge die Liebe nicht auf, mit welcher Rabbi Jochanan an der Thora hing. (Midrasch Schir Haschirim Rabbah.) Wer kann die Berichte über den Märtyrer- 8) Joma 86. a. 9) Makkoth 24 a. 10) ibid.

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