Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1878)
- Date
- 1878-05-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447769--14974-2470904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
> <p. , 'Kh,'.' wuRm^; >, T»y r? ( . ■ . '. > ‘ < V ' ' 538 „Du mußt nicht beständig darau denken, es regt Dich nutzlos auf. — Aber Mittags wird Dein Vater doch zu Hause sein?" „Das vermuthe ich wohl, doch dürfte diese Stunde kaum zu einem Besuche für Dich geeignet sein. Wenn Dir denn so sehr daran gelegen ist, ihn näher kennen zu lernen, so besuche ihn morgen, da hat er Sabbat, da würde er Dir nicht für eine Million auch nur ein Blättchen Papier von hier in die andere Gasse tragen." Bertha schüttelte den Kopf. „Seltsam, in der That seltsam, aber eben deßhalb interessirt es mich so sehr, ihn uäher kennen zu lernen. Kannst Du mir seine Wohnung genau angeben?" „Das wohl, doch wenn Du morgen zu ihm gehen wolltest, so möchte ich Dir doch rathen, nicht bei ihm vorzufahren." „Ei, behüte der Himmel, das weiß ich wohl, das könnte ihn verletzen und ich möchte doch so gern freundlich von ihm ausgenommen sein." Es war in der Mittagsstunde des folgenden Tages; in der bescheidenen Wohnung des alten Grün sah es heute, wenn auch ärmlich, doch ganz sabbatlich auch. Der große eichene Tisch, der bis vor Kurzem in der Küche gestanden, war nun in das Familienzimmer avancirt und heute mit blendend weißen Linnen bedeckt. Susanne ordnete den Tisch. Sie hatte bereits die Teller hingestellt, und mit berechtigtem Selbstgefühl zwei zierlich geflochtene Brode, ihr Werk, auf einen derselben gelegt. Doch als sie nun statt der schweren silbernen Bestecke die blechernen Löffel und unscheinbaren Messer und Gabeln auf dem Tisch ordnete, da hob ein schmerzlicher Seufzer ihre Brust und Thränen glitten über die gelben faltigen Wangen. „Warum weinst Du schon wieder, Susanne V fragte Hugo vorwurfsvoll, indem er das Buch, in dem er dem Schwesterchen Bilder gezeigt, zuschlug und zu der Alten sprang, „ich glaube, Du weinst jetzt jeden Sabbat, und das ist bös von Dir. Am Sabbat darf man gar nicht traurig sein, Großpapa hat es gesagt." „Ich weiß, warum Susanne jetzt alle Sabbat weint;" fiel die kleine Selma ein, „sie ist traurig darüber, weil wir jetzt am Sabbat Morgen gar keine Kuchen mehr haben und Mittags keine Torte und kein —" „Herr Gott im Himmel! Kind, wie kannst Du so Böses von mir denken!" rief Susanne, indem sie mit der Schürze über ihre Augen fuhr. „Aber das ist ja gar nichts Böses," versetzte die Kleine unschuldig zu ihr aufblickend, „ich möchte manchmal auch gern darüber weinen, daß wir jetzt gar nichts Gutes mehr essen; aber ich thue es nicht, weil Großpapa sonst traurig wird." „Du bist ein liebes, braves Kind," entgegnete die Alte, indem sie das Lockenköpfchen des Kindes an ihre Sabbatschürze drückte. „Aber Susanne hat deßhalb auch gar nicht geweint," fiel Hugo ein, „Susanne liegt gar nichts am Essen. Nicht wahr, Susanne, es ist Dir einerlei, ob Du Kuchen issest oder Schwarzbrod." Sie nickte ihm gutmüthig zärtlich zu, „Du bist ein gescheidter Knabe und hast ganz recht. Was mich anbelangt, so kommt es mir gar nicht darauf an, und wenn ich das ganze Jahr hindurch nichts anderes hätte als trockenes Brod; aber daß ich für so goldige Kinder, wie Ihr seid, nicht einmal am Sabbat eine Torte backen kann und daß der alte schwache Herr, der sich die ganze Woche so plagen muß und dann am Sabbat, wenn er Abends und Morgens den Segen spricht, daß er dann das Glas Wein, das ihm doch so noth thut, nicht einmal austrinkt, das — " Sie konnte nicht weiter reden, Thränen erstickten ihre Stimme. Auch die Kinder schauten trübe vor sich nieder. „Ach," sprach Hugo, „mir thut das noch viel mehr leid als Dir, denn ich weiß ja, daß Alles eigentlich nur um meinetwillen so gekommen ist, weil Großpapa mich so lange gesucht hat — ach, wenn Du wüßtest, wie leid mir das thut —" Eine Thräne füllte sein schönes großes Kinderauge und die Alte gerieth außer sich, weil sie es gewesen, die das Kind in diese trübe Stimmung versetzt hatte. „Hugo, mein Gold, mein prächtiger Junge, der Großpapa wird gleich kommen und ich habe noch das Salz nicht auf dem Tisch und noch kein Wasser im Lavoir und den Lehnsessel noch nicht beim Tisch. Willst Du mir helfen, mein Goldiger?" Der Knabe sprang herbei und half ihr den Sessel zum Tisch tragen und die Alte verstand es in der That, durch allerlei kleine Hilfeleistungen, um die sie ihn anging, die trüben Gedanken aus seinem Kinderköpfchen zu vertreiben. „Da kommt Großpapa," rief Selma, die die Hausthür hatte gehen hören und sprang dabei zur Thür. Doch ein Klopfen an derselben machte sie stutzen. Hugo rief „herein", und eine elegant ge- ' kleidete Dame trat freundlich in's Zimmer. Schüchtern blickten die Kinder auf die Unbekannte, die ihnen lächelnd zunickte. „Hier wohnt doch Herr Grün," wandte sie sich an die Dienerin, doch im selben Moment hatte sie sie auch erkannt. „Ei, sieh' da, Susanne! Da brauch' ich ja gar nicht erst zu fragen, da bin ich