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Der Israelit · 1878-05-29 · Heft 22 (29.5.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 22 (29.5.1878)
Date
1878-05-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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534 ten wie Juwelen, Miryaden Thautropfen, den Fliederblüthen entströmte süßer Duft, und in den Aesten der tausend und tausend Bäume der uralten Grabesstätte zwitscherte und jubelte lustig der Vöglein großes Chor .... Reding rieb sich die Augen — und blickte sich vorher erstaunt um. — Tausendmal hatte er am Morgen beim Erwachen nichrs gesehen als die finstern Wände seiner düstern Kerkerzelle, kaum etwas anderes gehört, als den eintönigen Tritt des Wachpostens, der nur deshalb hier auf und abschritt, um den Unglücklichen, der es versuchen wollte, durch Flucht seine Freiheit zu erlangen, erbarmungslos mit dem Bajonette niederzustoßen, oder wie das Gethier des Waldes niederzuscbießen, — zuerst nichts anderes gefühlt, als die Wucht der eisernen Kette, an die er gefesselt lag, wie die reißende Bestie, die man zu zähmen versucht — und nun wölbte sich über ihn die schöne blaue Hiwmelskuppel, — er konnte sich frei bewegen — er athmete frische Luft in Gottes freier herrlicher Natur ..... im ersten Momente hatte er vergessen, daß er seit wenigen Tagen seiner Kerkerhaft entlassen; im zweiten — aber nur einen winzig kleinen Zeittheil durchrieselte ihn das beseligende Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, — aber schon im dritten Augenblicke senkte sich die volle Erkenntniß seiner traurigen Lage mit beklemmender Wucht auf seine Seele; der Zustand kurzer Seligkeit, in den ihn wohlthätige Träume versetzt hatten, wich plötzlich von Neuem dem Gefühle der gänzlichen Verlassenheit, und jetzt nachdem sein Körper, durch den Schlummer und die kurze Rast gestärkt war, schien es ihm, daß er mit erhöhter Leibeskraft auch die geistige Qual, wenn möglich noch verschärfter als gestern empfände. Längere Zeit war er nicht im Stande, einen vernünftigen Gedanken zu erfassen, sein Hirn wallte, wie geschmolzenes Erz in seinem Kopfe, seine Schläfen klopften, seine Pulse hämmerten, er drückte krampfhaft seine Hände an die glühende Stirne, er fürchtete, der quälende, tolle Gedankenwirbel würde diese auseinandersprengen. Er wandte sein Antlitz empor zu Gottes blauem Himmelsdome und leise entrangen sich mit heiserer Stimme seiner stürmisch auf und niederwogenden Brust die Worte: „Allherr! sei gnädig und barmherzig, lade mir armen Menschen nicht Qualen auf, die ich nicht zu ertragen vermag, steh! allerbarmender Gott! ich habe Dir treu gedient von meiner Jugend an bis jetzt, — ich habe nie gezweifelt an Dir, als Du mich hart, — unsagbar hart geprüft .Du allgerechter Gott, der Du ja auch allmilde bist! Du hast mein armes Leben freudlos und düster gemacht, mir Ehre und Glück genommen — und Schmach und Elend auf mein unschuldiges Haupt gehäuft.... Du Allwissender, Du Herzensprüfer, der Du in die Tiefen der Menschenseele blickst, vor dem die Menschenherzen aufgeschlagen liegen, wie ein offenes Buch — Du weißt es, ich habe Alles still ertragen, habe nicht gemurrt, wenn auch ein blödes Menschenauge nicht zu erkennen vermochte, Unerforschlicher! — warum Du gerade mir so unsagbar Schweres auferlegtest . . . . aber nun, da ich heimgekehrt bin, da Du es mich erleben ließest, daß ich den finstern Kerker verlassen — da, — wo ich das Ende meiner schweren Leiden zu erblicken glaubte — da — steigt nun plötzlich die Zukunft in so grauenhafter Gestalt vor mir auf, daß meine arme Seele verzagt und verzweifelt! — Mein Mütterlein ist todt — jeder haßt und verachtet mich — und das Mädchen, das ich geliebt — wird mich nicht weniger verachten als es die Andern thun — und wohl noch weit mehr Haffen — und Dein armes, gebeugtes, zu Tod gehetztes Kind, Allvater! — muß verzweifeln, wenn Du Allbarmherziger ihn nicht durch ein Wunder erretten, ihn erlösen willst . . . . Sei huldvoll. Herr! stärke mich, verleiht mir Kraft, daß sich meine Seele nicht aufbäumt gegen Dich — gib mir ein kleines Zeichen Deiner endlos großen Vaterhuld, durch die Du Myriaden Geschöpfe auf Deiner weiten großen Welt beglückst und erfreust — gib mir nur ein kleines Zeichen, daß Du mein nicht ganz vergessen, — der an Dir hing mit ganzer Seele und mit vollem Herzen!" Simon Reding hatte mit steigender Erregung zuletzt ganz laut gesprochen — er hielt inne, als lausche er einer höhrbaren Antwort .... aber es blieb stille auf dem weiten öden Raum des Friedhofes .... Plötzlich ergriff ihn eine wilde verzehrende Ungeduld, — er mußte etwas thun, die träge Ruhe deS Stehens ward ihm unerträglich, er mußte etwas unternehmen, sich körperlich bewegen — und wie von unsichtbarer Macht getrieben, eilte er, als hätte er in kurzer Frist noch ein fernes Ziel zu erreichen, vom Friedhof .... (Fortsetzung folgt.) Hierzit zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gott-leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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