Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1878)
- Date
- 1878-05-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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533 scheu, der ihn, den unschuldig Lies Gekränkten, beleidigen konnte! — Der Friedhof ist ein gewaltig weiter Raum, voll grauer uralter Grabsteine, zwischen denen hohes grünes Gras wuchert. Die alten Denkmale sind von Fliederbäumen überwölbt .... Es war ein schöner Sommerabend, der Himmel war von einer wunderbaren Reinheit, und Miriaden goldener Sterne warfen ihr mildes, süßes Licht auf diese Stätte des Friedens und des Todes; die blühenden Bäume dufteten und daß auch das Ohr nicht leer ausgehe, lispelte feierlich schön und leise, ein leichter milder Wind durch die reich belaubten Aeste, als flüsterten die Seelen längst Verschiedener im friedlichen Zwiegespräche mit einander. Reding seufzte tief auf, wie neidete er den Tobten, den Schläfern da in ihren Grüften, die schon längst ausgekämpst den heißen Lebenskampf — ihre Grabesruhe! Wenn auch er sich so zur Ruhe hätte niederlegen können, um nicht mehr irdisch zu erwachen; — wenn sich nur seine Seele zu ihrem Schöpfer hätte emporschwingen können, so wäre der höchste, noch mehr als das — der einzige Wunsch, der sich noch in ihm regen konnte, erfüllt gewesen! Er sank geistig und körperlich ermattet auf den weichen Rasen neben einem Grabe nieder. Vollständige Verlassenheit, gänzliche Vereinsamung erwecken — Gewissensbisse ausgenommen — die entsetzlichsten Empfindungen, die sich einer Menschenseele bemächtigen können, und Reding empfand diese jetzt im höchsten Grade, sie wurden noch verschärft durch den bittern Gedanken einer grauenvollen Zukunft entgegenzugehen; wie sollte sich diese ihm gestalten?! < Er war von Jedermann verachtet, der ärmste Lastträger, der sonst glücklich war, an ihm einen Groschen zu verdienen, war jetzt zu stolz, mit ihm an einem Tische zu sitzen — wie mußte ihn erst Wilhelmine Erdmann, das feinfühlende, hochgebildete Mädchen, das ihn durch ihre Hand beglücken hatte wollen, verachten!? es war ein entsetzliches Weh, das mit unsagbarer Macht an seiner Seele riß, — schmerzgebeugt drückte er sein glühendes Antlitz in das kühle Grab, — und während heute im Ghetto, wohl auch der Aermste in inniger Festesfreude fröhlich im Kreise der Seinigen am Familientische saß —- war Reding allein, verlassen , vereinsamt, verzweifelnd am Friedhofe. Allein der unendlich große, dem Menschengeiste unerforschliche Gott, der in seinem unergründlichen Rathschlusse, des Menschenseele mit schwerer Prüfung heimgesucht, hat für diese, für tiefes Weh endlos viele Tröstungen und Linderungen .... und einer der alltäglichsten Wohl* thäter der Menschen ist der Schlaf, der dem Bedrückten, dem Gequälten Erholung, auch dem Unglücklichsten auf Erden eine Stunde süßer Täuschung vorgaukelt. — Der Talmud spricht es aus^): Der Schlaf ist ein kleiner Bruchtheil des Todes, was wohl soviel sagen will als: Der Schlaf bietet dem Menschensohn, einen kleinen Theil jener Ruhe, den der Tod dem müden Erdenwaller bringt. — Reding war geistig erschöpft, körperlich ermattet, nahe an die Grenze einer beginnenden Nervenzerrüttuvg angelangt, die aufs höchste gereizte Natur forderte gebieterisch ihre» Tribut — und er verfiel auf dem grünen Rasen hingestreckt in einen tiefen Schlaf, der ihn erquickte und auch seine Seele wunderbar beruhigte. Er träumte, und in seinem Traumleben schien er ganz herausgehoben aus der Tiefe seines maßlosen Elends. In seinen süßen Träumen lebte sein Mütterchen noch, schloß ihn in ihre Arme und küßte ihn — und Wilhemine war ihm treu geblieben — und Jedermann in Prag war nun plötzlich überzeugt, daß ihm schweres Unrecht zugefügt worden war, und zahllose Besucher — unter ihnen Gerschom Goldbrenner und die beiden Winterthal — drängten sich in seine Wohnung, ihn herzlichst zu begrüßen, und Jedermann haschte nach seiner Hand, und war glücklich, wenn er diese drücken durfte. Reding mochte wohl mehrere Stunden hintereinander geschlafen haben, jetzt träumte ihm, daß er mit Wilhelmine, seiner Verlobten, zur Vermählungsfeier unter dem Trauhimmel schreiten wollte, und seine Mutter um ihren Segen bat, — wie er das Haupt vor ihr senkte, sie ihm die Hände auf sein dunkles Lockenhaupt legte, und wie eine Thrane heißer Mutterfreude aus ihren Augen auf seine Stirne fiel — und da erwachte er plötzlich. es war nicht die Thräne aus dem treuen Mutterauge — es waren nur Thautropfen, die von den Blättern des Baumes, unter dem er gelegen, auf ihn niederfielen .... er rieb sich die Augen .... es, war ein herrlicher Sommermorgen, die Sonne stieg golden im Osten auf, während die silberne Mondessichel langsam erbleichend niederging und die goldene Sternlein mählig verblaßten. Der Himmel prangte in reichster schönster Farbenpracht, dort am äußersten westlichen Ende des Horizontes besaß n die Wolken noch jene eigenthümlich grünliche Bläue, in der Mitte zu nach und nach vom lichten in dunkles Blau übergehend — im fernen Osten aber erscheinen sie von der auftauchendeu Sonnenkugel in herrlichem Purpur gewählt .... im frischen Grün des weiten Friedhofes erglänz- 32) Berachoth Fol. 57 b.