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Der Israelit · 1878-05-29 · Heft 22 (29.5.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 22 (29.5.1878)
Date
1878-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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529 Literarischer Jericht. nniSD Lehrreiche Erzählungen und Anecdoten, gesammelt auS dem Talmud, den Me(!)braschim und anderen jüdischen Schriften von weil. S. Blogg. 2. Auflage. Hannover 1877. Verlag von A. Weichelt. Erzählungen, und zwar lehrreiche Erzählungen, sind in unserer für die Belehrung auf belletristischemWeg so sehr empfänglichen Zeit von so wesentlichem Einfluß, daß jede neue hierher gehörige literarische Erscheinung die sorgfältigste Aufmerksamkeit der Kritik auf sich zieht. Diese Aufmerksamkeit wird noch gesteigert, wenn der Stoff der Erzählungen der talmudischen Literatur entlehnt ist. Für die nichtjüdische Welt ist der Talmud ja noch immer eine Sphinx, deren räthselhäfte Sprache nur ganz wenigen Gelehrten mit großer Mühe verstündlich ist, und selbst bei uns gibt es ja große Kreise, die vom Talmud kaum mehr als seinen Namen kennen, für welche daher derartige Uebertragungen das Medium bilden, durch welches ihnen ein Urtheil über dieses gigantische Werk ermöglicht wird. Wenn es solchen Uebertragungen gelingt, ein treues Abbild des Originals zu liefern, so kann es nur erfreulich sein, wenn die einzig großartigen Geistesschätze der jüdischen Literatur immer mehr und mehr öffentliches Gemeingut werden, da gewiß kaum etwas sonst so geeignet ist, alte Borurtheile gegen Juden und Judenthum zu beseitigen, als eine Würdigung des Seelenadels und der Größe der Gesinnung, von welcher fast jede Zeile der talmudischen Literatur so beredtes Zeugniß ablegt. Gelingt eine solche Darstellung jedoch unvollkommen, so ist ein Publikum, welches aus bloßer Unterhaltungslectüre sich sein Urtheil bildet, leicht geneigt, die Fehler der Uebertragung dem Original selbst zuzusckreiben. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, lassen die vorliegenden lehrreichen Erzählungen und Anecdoten zu wünschen übrig. Wir hätten die Anecdoten oder doch den Theil derselben, welche nichts weniger als lehrreich sind, am liebsten ganz vermißt. Da sie meistens ohne Quellenangabe dastehen, so wird sie der Leser im Talmud vermuihen, der aber daran vollständig unschuldig ist. Schwerer als diese Ausstellung fällt die nach jeder Seite hin unvollkommenen Uebertragung der dem Talmud entlehnten Begebenheiten in's Gewicht. ES ist überflüssig zu bemerken, daß wir nicht einer wörtlichen Uebersetzung, sondern einer freien Uebertragung das Wort reden; jedoch dürfen die einer solchen Freiheit gebotenen Grenzen nicht überschritten werden. Wenn z. B. (S. 3) Jephtha der rohe Krieger genannt wird, so ist dieses Epitheton sicherlich nicht der citirten Stelle (Richter 11, 40), und ebenso wenig dem Talmud oder Midrasch entnommen, sondern eigene Zulhat des Verfassers. Die Lieenz, die sich der Verf. bei der Uebertragung einzelner Talmudstellen gestaltet, mag durch irgend ein Beispiel dadurch charaklerisirt werden, daß wir eine hier wiedergegebene Stelle mittheilen, nachdem wir eine möglichst wortgetreue Uebersetzung der betr. Stelle vorausgeschickt haben. Im Talmud Taanith 23 b. heißt e8: Rabbr Mani klagte seinem Lehrer Rabbi Jizchak ben Eljaschib: „Die reichen Verwandten seitens meiner Schwiegereltern quälen mich." „Sie mögen arm werden 1" erwiderte der Lehrer; und sie wurden arm. „Nun belästigen sie mich (durch Betteln)," klagte der Schüler. „Dann mögen sie wieder reich werden," entgegnete der Lehrer, und sie wurden wieder reich. „Meine Frau gefällt mir nicht wegen ihrer Häßlichkeit!" klagte dann der Schüler. „Wie ist ihr Name?" „Channah." „Channah soll schön werden," beruhigte ihn der Lehrer, und sie wurde schön. „Nun ist sie aber übermüthig gegen mich wegen ihrer Schönheit." „Dann soll Channah wieder häßlich werden," und sie wurde wieder häßlich. Diese Erzählung, welche im Zusammenhang mit vielen anderen dort eingeführten darthun soll, wie Gott dem Verlangen frommer Menschen Rechnung trägt, wird in dem vorliegenden Buch (S. 5) also wiedergegeben: „R. Mani kam einst zu Rabbi Isaak und beklagte sich, wie sehr sein großer Reichthum und die reichliche Aussteuer, die er mit seinem häßlichen Weibe bekommen, lästig sei. Was den ersten anbelangt, erwiderte R. Isaak, so mache Speculationen in Staatspapieren, so wirst Du davon enthoben werden; was das zweite anbelangt, so gewöhne Dich nur an ihr Gesicht, so wird sie Dir schön Vorkommen. Er befolgte beides. Aber später erzählte er dem R. Isaak, wie unausstehlich nun das Großthun und der Stolz seiner Frau geworden. Wenn das sich so verhält, daß sie auf Deine nur eingebildete Schönheit despotisch über Dich herrschen will, so möge ihre angeborene Häßlichkeit wieder in Dir rege werden, aber bedenke dabei, was Salomo sagt (Prov. 17,1): Lieber trockenes Brod in Ruhe, als Gastmähler in einem Hause des Zankes." Was soll man zu einer so geschmacklosen Verunstaltung sagen? Es braucht nicht bemerkt zu wer-

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