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Der Israelit · 1878-05-22 · Heft 21 (22.5.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 21 (22.5.1878)
Date
1878-05-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Aber dennoch verzweifelte er nicht und ließ den Muth nicht sinken. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht saß er über seinen Büchern und rechnete und rechnete, um nur erst Klarheit zu bringen in alle die Wirrnisse, die Untüchtigkeit im Verein mit Unredlichkeit hervorgerufen. Es war gegen Abend, Grün befand sich allein im Comptoir, er hatte so eben die Gasflammen angezündet, um ungehindert durch die hereinbrechende Dämmerung seine Arbeiten fortsetzen zu können, als die Thür geöffnet ward und ein Herr eintrat. Die Augen des alten Mannes hatten vermuthlich in Folge der Anstrengungen der jüngsten Zeit sehr gelitten, er war daher im ersten Moment nicht im Stande, den Eintretenden zu erkennen. „Was wünschen Sie?" fragte er sich unwillkürlich vorneigend. Der Angeredete trat langsam näher und Grün erkannte seinen jüngsten, jetzt seinen einzigen Sohn. „Verzeihe Vater", sprach er mit'bebender Stimme, „verzeihe, daß ich mir erlaube, Dich zu stören." Grün preßte die Lippen aufeinander und ließ sich wieder in den Sessel nieder. ..Du wünschest?" Der Ton war so kalt, so eisig kalt, Eduard fuhr mit der Hand nach dem Herzen. „Vater" begann er von Neuem mit womöglich noch unsicherer Stimme, „ich habe gehört — man sagt — Er stockte, aber der Alte richtete keine Frage an ihn. ruhig erwartete er die Fortsetzung seiner Rede. „Erlaube, daß ich mich setze", stammelt Eduard mit dem Tuch über die Stirne fahrend. Der Vater deutete schweigend auf einen ihm gegenüberstehenden Sessel, und indem er sich darauf niederließ, fuhr Eduard fort: „Schon seit mehreren Tagen hörte ich davon sprechen, daß die Treulosigkeit Deines Buchhalters Dein Geschäft in arge Zerrüttung gebracht — und heute sprach man sogar davon ~ daß Du gezwungen sein würdest, Concurs anzumelden." Der alte Grün unterdrückte einen schmerzlichen Seufzer. „Was auch über mich ergehen mag, ich bin mir keiner Schuld bewußt; die monatelange Abwesenheit, zu der ich gezwungen war *.." „Ich weiß, ich weiß", rief Eduard, „und sicher denkt kein Mensch daran, Dich irgend einer Schuld anzuklagen — aber lieber guter Vater", fuhr er flehend fort: „gestatte es mir, Deine Angelegenheiten zu ordnen. Wie hoch die Differenz auch sein mag, ich bin reich, es wird mich nicht geniren." 514 Der Vater blickte ihn an, in seinem Antlitz zuckte es seltsam. „Ich danke Dir", sprach er nicht unfreundlich, aber entschieden, „ich kann Dein Anerbieten nicht annehmen." „Und warum nicht?" rief Eduard, „um Gotteswillen, ich beschwöre Dich!" Der Alte schüttelte das Haupt. „Meinst Du, ich würde mir nachsagen lassen, daß ich zwar meinen Sohn verstoßen, weil er sich über unsere heiligsten Gebote hinweggesetzt, daß ich mich aber willig mit dem unterstützen lasse, was er doch auch am Sabbat verdient." „Wer könnte das —" „Ich will Dich nicht beleidigen, ich erkenne das Großmüthige Deines Anerbietens, Du wirst nicht so sprechen, wirst vielleicht auch nicht so denken; aber man wäre allerdings dazu berechtigt." „Und Du würdest es vorziehen, Dir nachsagen zu lassen, daß die Leute ihr Geld bei Dir verloren?" „Ich hoffe, daß es nicht so weit kommen wird; ich hoffe, daß es mir gelingen wird, meine Gläubiger zu befriedigen — freilich wird mir dann kein Kreuzer übrig bleiben." „Und von was wirst Du dann leben? — Du und die beiden Kinder meines Bruders?" „Ich werde arbeiten — ich habe bereits eine Stelle in Aussicht." „Eine Stelle? — was für eine Stelle?" fragte Eduard düster vor sich hinblickend. „Ich hatte anfangs daran gedacht, eine Stelle in einem Comptoir zu suchen", erwiederte der alte Grün tief aufathmend, „aber meine Augen sind sehr angegriffen; ich fürchte, ich könnte einen derartigen Posten nicht lange bekleiden und so habe ich mich denn entschlossen, mich um eine Stelle als — Ausläufer zu bewerben." Eduard stieß einen unarticulirten Schrei aus und sprang auf. „Vater!" schrie er, ^den Schimpf kannst Du mir nicht anthun! — das kann Dein Ernst nicht sein!" Der Vater zuckte die Achseln. „Ich bedaure, daß Du das als Schimpf betrachtest." „Wie? ich sollte es nicht als Schimpf betrachten?" Eduard war leichenblaß geworden, feine Lippen bebten. „Ich — Besitzer einer der bedeutendsten Fabriken und mein Vater — Ausläufer — mit den Fingern wird man auf mich deuten — Vater, ich beschwöre Dich!" Der Alte schüttelte schweigend das Haupt. „Nun, wenn Du es mir denn hartnäckig verweigerst, mich Deine Angelegenheiten ordnen zu lassen, so gestatte es wenigstens, daß ich weiter für Dich und meines Bruders Kinder sorge."

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