Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-05-22 · Heft 21 (22.5.1878) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 21 (22.5.1878)
Date
1878-05-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447768--14948-2470877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

513 „Ich bin der Polizeicommissär Renner." ' Emma erbleichte und preßte die Lippen aufeinander. „Sie wünschen?" „Ich komme. Ihnen die Mittheilnng zu machen, daß ich soeben Ihren Sohn seinem ihn aufsuchenden Großvater übergeben habe." „Herr Commissär", schrie Emma, wüthend aufspringend, „wie können Sie es wagen, einer Mutter ihr Kind zu entreißen? ich verlange es zurück! sofort!" Der Commissär zuckte die Achseln. „Bitte fich nicht zu ereifern, Frau Grün; was ich gethan, geschah auf Verlangen Ihrer heimathlichen Behörde." „Wo gibt es eine Behörde, die einer Mutter ihr Kind rauben kann?" „Es müssen allerdings ganz eigenthümliche Verhältnisse dazwischen liegen; doch das zu beurtheilen, ist nicht meine Sache." „Was kümmern mich die Verhältnisse!" schrie Emma mehr und mehr außer sich gerathend, „ich will mein Kind! — mein Kind! geschwind — wo haben Sie es hingebracht? — oder —" „Oder?" wiederholte lächelnd dex Beamte. „Ich werde es schon zu finden wissen." Sie wollte hinaus an ihm vorüberstürzen, doch er vertrat ihr den Weg. „Noch einen Augenblick Frau Grün. Ich bin nicht nur gekommen, Ihnen Mittheilung zu machen von dem, was ich gethan. sondern hauptsächlich von dem, was ich zu thun verpflichtet wäre, wenn Sie im Ernst es wagen würden, fich deS Kindes abermals zu bemächtigen." „Mein Herr — diese Sprache —" „Ist die des Bevollmächtigten der hier maßgebenden Behörde, und als solcher theile ich Ihnen mit, daß bei dem ersten Versuch, sich des Kindes zu bemächtigen, Sie verhaftet und in polizeilicher Begleitung in Ihre Heimath geschickt werden würden." Ein Ausruf des Entsetzens unterbrach ihn. „Das Kind befindet sich in den Händen seines Großvaters, der die Vorsicht gebraucht, einen Polizei-Beamten in seiner unmittelbaren Nähe zu behalten; es ist daher in Ihrem eigenen Interesse, wenn ich Sie mahne, alle weitere Versuche aufzugeben." Leichenblaß mit zornfunkelnden Augen murmelte Emma einige unverständliche Worte vor sich hin. „Ich verletze ungern die den Damen ^gegenüber gebotenen Höflichkeitsregeln und würde es außerordentlich bedauern, dazu gezwungen zu werden." Er grüßte höflich und wollte sich entfernen. Emma stürzte ihm nach und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Herr Commissär — Sie sind Christ — mein Schwiegervater ist Jude, aber mein Kind ist getauft. — Können Sie als Christ es verantworten, daß ein getauftes Kind seinem jüdischen Großvater übergeben wird?" Der Polizeibeamte blickte sie verächtlich an: „Madame, wenn Sie in Wirklichkeit das Kind haben taufen lassen, so haben Sie eine widerrechtliche Handlung begangen, die unter gegenwärtigen Verhältnissen auch die Landesgesetze Ihrer Heimath ahnden würden. Es ist daher ein freundschaftlicher Nath, den ich Ihnen ertheile, der stattgehabten Taufe gegen keinen zu erwähnen." Ohne sich weiter nach ihr umzusehen, verließ er das Zimmer. Der alte Grün hatte in der That die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ohne jede Belästigung die Heimreise anzutreten. Es war am Rüsttag des Sabbats, wenige Stunden vor Beginn desselben, als er die Heimath erreichte. Lauter Jubel erfüllte das Haus, als der Großvater mit seinem Enkel es wieder betrat und alle Hausgenossen und alle Nachbarn nahmen daran Theil; denn Selma hatte sich nicht halten lassen; sie war hinunter geeilt auf die Straße und hatte schon dort die ersten Umarmungen der Heimkehrenden empfangen. Eine Freude, eine Seligkeit erfüllte das Herz des alten Mannes, wie er nie geglaubt, daß er eine solche noch empfinden könne. All* sein Denken, all* sein Fühlen war Dank gegen Den, der ihn seinen Enkel hat wieder finden lassen, der ihm beigestanden, ihn den Schlingen der Verworfenen zu entreißen. Vergessen war all der Kummer und alle die unsäglichen Mühen und Anstrengungen der verflossenen fünf Monate und alle die unzähligen Opfer, die er um Wiedererlangung seines Enkels gebracht. Doch als der Sabbat zu Ende und Grün sich zum erstenmal nach fo langer Abwesenheit in sein GeschäftSlocal begab und seine Bücher aufschlug, — da ward er erst inne, was er in Wirklichkeit geopfert. Sein ganzes Geschäft fand er zerrüttet, die Passiva überstiegen die Activa bei Weitem, nach dem ersten Ueberblick schien der Bankerott unabweislich. Dazu kamen noch die Fallimente mehrerer bedeutender Häuser, bei denen das Vermögen seiner Enkel deponirt war. Es war eine entsetzliche Lage für den alten Manu, dessen Ehre bisher so rein, so makellos. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.