Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1878)
- Date
- 1878-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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510 „Ihr!" — früher hatte er Reding immer „Herr Reding", oder „Herr Buchhalter" genannt, — „iS es Euch nit zu dumpfig hier? draußen im Gärtel iS es kühler. Ihr könnt efchwer^) draußen essen!" — und ohne die Antwort abzuwarten, schritt er hinaus, Reding folgte tief beschämt; — allein Gerschom Goldbrenner schien gar nicht zu beabsichtigen ihn in daS kleine Gärtchen, in dem auch Gäste sitzen mochten, zu führen, denn, in dem an der Küche anstoßenden Gange blieb er stehen, und sagte, „draußen Werden eschwer auch zu viel Leut' sitzen, am besten, setzt Euch da her!" Simon Reding hatte in seinem Leben schon viele unverdiente Schmach erlebt, er war am Pranger gestanden, er war im Gefängniß gesessen, mit Ketten gefesselt, war ärger wie ein'Sklave behandelt worden, aber daS war eine harte Strafe, allerdings für ein Verbrechen, das er nicht begangen , aber jene, die ihm Schmach und Schande zugefügt, glaubten durch das Gesetz hierzu berechtigt zu sein, es war dies ein Akt irregeführter menschlicher Gerechtigkeit; — aber jetzt hatte er seine Strafzeit überftanden, — was ihm Gerschom Goldbrenner und seine Gäste anthaten, war eine nutz- und zwecklose Grausamkeit. Das warme Blut in seinen Adern begann lebhafter zu rollen, seine Wangen rötheten sich, er wollte sprechen, aber er fand nichts Passendes, was er seinem Beleidiger sagen mochte, und während er auf eine Antwort für Gerschom Goldbrenner nachsann, fiel es ihm auch ein, daß dieser vielleicht weniger schuldig sei, als es den Anschein habe, daß ihn die Rücksicht für seine Stammgäste zu einer Härte veranlaßte, die er vielleicht selbst bedaure, — und ohne ein Wort der Entgegnung verließ er tief beschämt und traurig diese Garküche untergeordneten Ranges, die er früher nur ungern betreten hätte. Trotzdem er das dringende Bedürfniß nach warmer Speise fühlte, mochte er doch nach der bittern Erfahrung, die er gemacht, in einem andern Gafthause keinen zweiten Versuch wagen, und kaufte sich von einem auf offener Straße sitzenden Verkäufer gebratener Lebern, sein frugales Mittagsmahl . Vor Allem wollte sich nun Reding um eine Wohnung umsehen, wo er des Nachts sein Haupt zur Ruhe legen konnte, aber auch hier machte er traurige Erfahrungen. Er frug bei drei armen Leuten an, die Aftermiether in ihre Wohnungen einzunehme» pflegten, die ersten zwei wiesen ihn unter Borwänden ab, der dritte erklärte ihm offen, daß er einen „Gannow" nicht als Hausgenossen aufnehmen wolle.In voller Verzweiflung, halb wahnsinnig, eilte er hinaus aus dem Ghetto und noch weiter hinaus vor die Thore der Stadt und ging planlos kreuz und quer bis ihn die anbrechende Dämmerung daran gemahnte, daß es jetzt Zeit sei, ins Gotteshaus zum Abendgebete zu gehen. Prag besaß und besitzt noch neun große und viele kleine Synagogen. Reding sehnte sich aus voller Seele darnach, wieder einmal an einem allgemeinen Gottesdienste Theil nehmen zu können, einen geistigen, seeligen Genuß, den er nun durch weit mehr als sieben Jahre entbehrt hatte. Er dachte nur darüber nach, ob er eine große Synagoge oder eine kleine „Schul", so nennt man in Prag die Gotteshäuser, besuchen sollte. In ersterer konnten ihm mehrere Bekannte begegnen, dagegen war es ihm in einem großen Raum leichter, unbemerkt zu bleiben, — nach kurzem Bedenken entschloß er sich für die Meisel-Synagoge. Ein wehmütig-freudiges Gefühl erfaßte ihn, als er das schöne Gotteshaus betrat; — aber er wagte es nicht weit vorzudringen, er blieb in der nur halb erleuchteten Vorhalle stehen. Viele schritten an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten, endlich kamen zwei Männer — Winterthal hießen sie — Vater und Sohn, — o! er kannte sie beide, sie waren mit Zadok Erdmann, dessen Buchhalter er gewesen, lange Zeit in Geschäftsverbindung gestanden, der jüngere, der Sohn stieß unversehens an ihn an, so daß er, der rasch sein Gesicht der Mauer zugewendet hatte, sich unwillkürlich umwandte, der Mann sah ihm einen Augenblick in's Gesicht und einer früher» langjährigen Gewohnheit folgend, rief er: „Ich irre mich doch nicht, Herr Reding? Guten Jomtow!" Aber der Vater ließ ein Gespräch nicht aufkommen, riß den Sohn hastig am Arme fort, und aus den zwischen Beiden halblaut geflüsterten Worten tönte es herzzerreißend an Redings Ohr: „Bist Du verrückt, daß Du Dich mit dem Gannow in ein Gespräch einlassen willst?" und die Antwort: „Ich war so überrascht, ich Hab'im ersten Augenblick wie an den Tod vergessen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. 26) Vielleicht. Verantwortliche Redaction: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Gotti.leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).