Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1878)
- Date
- 1878-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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509 » Schwäche, daß der Körper nun gebieterisch die Befriedigung seiner Bedürfnisse fordern und er, wenn auch ärmlich, so doch wenigstens anständig und unauffällig gekleidet fein müsse, um in eine der zahlreichen Garküchen der Judenstadt gehen, um sich dort an dem langentbehrten Genüsse warmer Speisen erquicken zu können. Aber schon bei seinem ersten Versuche, nach siebenjähriger, unfreiwilliger Jsolirtheit wieder mit der menschlichen Gesellschaft in Verkehr zu gelangen, fand er, daß er einen dornenvollen Pfad wandern müsse. Er war in ein Kleidergeschäft in der goldnen Gaffe eingetreten, dessen Besitzer zwei gemeine Gesellen waren, die ihn früher gekannt, und sogar manche Gefälligkeiten von ihm erfahren hatten. Sie erkannten ihn und behandelten ihn nicht nur in höchst geringschätzender Weise, sondern beleidigten ihn durch verletzende Bemerkungen, die ihm die Schamröthe in die bleichen Wangen trieben. Er hatte sich nämlich einige abgetragene Kleidungsstücke ausgesucht und um deren Preis gefragt. Die unverschämten Kleiderhändler, die an seinem Anzuge und aus seiner Lage erkannten, wie dringend er die Sache benöthige, forderten einen Preis, der offenbar den wahren Werth um das vierfache überstieg, und als Reding es versuchte, sie zu einem Nachlasse zu bewegen, und ein niedriges Angebot stellte, sagte der eine der beiden Compagnons mit einem rohen Lachen: „Glaubt Ihr bei uns Genewes^) zu kaufen?" und der andere sagte: „Nach solchen Käufern stehen wir nicht, die können uns gestohlen werden", die letzten Worte so accentuirend, daß die Absichtlichkeit der Beleidigung scharf hervortrat. Reding bezwang seinen aufsteigenden Zorn, schien die gröblichen Andeutungen nicht zu verstehen; und von dem ersten Versuche abgeschreckt ein zweites Tändlergeschäft zu besuchen — entschloß er sich, ordinäre abgetragene Kleider zu einem hohen Preise zu kaufen; dagegen drückten ihm die beiden Gauner seinen Winterrock um wenige Kreuzer ab; — aber Reding hatte noch keine Wohnung, sah schon jetzt ein, daß es ihm nicht leicht werden würde, sich eine zu verschaffen und konnte sich daher nicht mit überflüssigem Gepäcke belasten. Nun ging er in ein Speisehaus; er suchte absichtlich eines der untersten Kategorie auf, ebenso um mit seiner schon stark geschmolzenen Baarschaft hauszuhallen, als auch, weil er hoffte, dort vielleicht, wenigstens nicht gar zu unfreundlich ausgenommen zu werden. 24) Gestohlenes Gut, von dem man annimmt, daß es wieder billig verkauft wird. Er suchte ein solches in dem abgelegensten Theile des Ghetto in der Schachtgaffe, in der Nähe des Schlachthauses auf; dort pflegten — das wußte er aus früheren Zeiten — jene armen Leute, deren Frauen als Höcklerinnen, Verkäuferinnen auf offener Straße oder als Hausirerinneu außerhalb des Hauses beschäftigt waren und daher nicht kochen konnten, ihre höchst bescheidenen Mahlzeiten einzunehmen. Mit Zittern und Bangen betrat er Gerschom Goldbrenners Traiterie, einen — wie die meisten Lokalitäten in den engen Straßen des Ghettos — dunkeln, aber weiten Raum, in dem an langen grünen Tischen eine große Zahl von Personen der untergeordnetesten Lebensstellung, rauchend und laut conversirend saßen, und ihr einfaches Mahl verzehrten. Die meisten derselben waren Lastträger wie es deren damals in Prag eine große Menge gab, und die schon durch ihre Kleidung, sackleinwandene Röcke und den um den Leib gegürteten Strick kenntlich waren, dann einige Schuster, die ihre Werkstätte auf offener Straße hielten, endlich auch einige niedrige Synagogenbedienstete, welche den ganzen Tag mit der Ausschmückung des Gotteshauses beschäftigt, nicht Zeit hatten zum Essen nach Hause zu gehen. Gerschom Goldbrenner, der kleine dicke Gastwirth mit dem rothen freundlichen Gesichte, grauen Barte und der durch eine permanente dicke Tabacksfläche unterstrichenen, etwas über Mittelgröße ausgefallenen Nase, hatte sich fast gar nicht verändert. Bei Redings Eintritt rief ihm Goldbrenner, wie jedem Gaste, ein fröhliches: „Boruch habo “)* entgegen, aber als jener näher trat und von ihm erkannt wurde, änderte er sein gewöhnliches Benehmen. Er pflegte sonst jeden Ankömmling die Hand zu reichen, ihn freundlich aufzufordern Platz zu nehmen; — aber diesmal blieb Gerschom Goldbrenner stumm wie ein Fisch und ließ Reding verlegen in der Mitte des Zimmers stehen. Die ungewöhnlichen Manieren Goldbrenners machten einige der Anwesenden auf Reding aufmerksam, sie steckten die Köpfe zusammen und wisperten untereinander; und während die an einem Tische Sizzenden sich zusammendrängten, als wollten sie eine versuchte Annäherung vermeiden, rückten sich an dem andern die Gäste so weit auseinander, daß der ganze Raum besetzt erschien; so daß es Reding keinen Augenblick zweifelhaft bleiben konnte, daß seine Anwesenheit sehr unwillkommen war. Gerschom Goldbrenner ging sogar noch einen bedeutenden Schritt weiter und gab seiner Ungastlichkeit deutlichen Ausdruck, indem er sagtet 25) Gesegnet, der da kommt!