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Der Israelit · 1878-05-15 · Heft 20 (15.5.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 20 (15.5.1878)
Date
1878-05-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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langsam mit ihr die Stiegen hinan. Auch Selma schwieg, ihr Jubel war gedampft, mit kindlicher Zuversicht hatte sie darauf gerechnet, daß - der Großvater den Bruder mitbringe. Sie drückte ihr Gesicht an des Großvaters Wange und dieser fühlte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. Doch als er mit ihr in's Zimmer trat, da sprang sie rasch an seinem Arm und wollte nun die kleine Wirthin machen, wollte ihm beim Ablegen seiner Reisekleider behilflich sein und ihn zum Anlegen bequemer Hauskleidung drängen, wollte ihm frisches Wasser holen, ihm Erfrischungen reichen und dergleichen mehr. Der harttzeprüfte alte Mann mußte doch lächeln, als er die liebliche Kleine in kindlicher Geschäftigkeit sich um ihn bemühen sah. Er konnte sich nicht enthalten, mitten im Umkleiden unterbrach er sich, hob die Kleine auf seine Knie und ließ sich von ihr erzählen, wie es ihr in dieser langen, langen Zeit ergangen. Und die Kleine plauderte munter darauf los, was sie gethan, was sie gelernt, wie Susanne sie täglich selbst in's Freie geführt und sie immer so fest an der Hand gehalten, daß ihre Hand einmal ganz geschwollen war, als sie nach Hause gekommen, und wie — Da ward draußen die Glocke gezogen und gleich darauf trat Susanne mit mehreren Briefen in der Hand in die Thüre. Mit dem Vorrecht langjähriger Treue warf sie einen Blick auf die Adressen und wie gebannt blieb sie Plötzlich stehen. „Herr Grün." stammelte sie, „Herr Grün." Erschreckt sprang dieser auf, „Was ist Ihnen, Susanne? was ist geschehen?" „Da — da — nehmen Sie —" sie brachte nicht mehr hervor. Aber die andern Briefe auf den Tisch werfend, hielt sie ihm mit zitternder Hand einen entgegen und deutete auf die Adresse; — sie war mit Bleistift geschrieben in ziemlich großen weitläufigen Lettern. „Von Hugo!" schrie Grün und riß das Couvert auseinander und drückt die kleinen dicht beschriebenen Blätter an seine Lippen — zu lesen vermochte er noch nicht, ein Strom von Thränen entstürzte seinen Augen und verdunkelte seinen Blick. „Brief von Hugo!" jubelte Selma und klatschte in die Hände. „Aber du mußt nicht weinen, Großpapa , sonst kannst du Hugo's Brief ja gar nicht lesen, und ich möchte so gern wissen, was darin steht." Und auf ihre Fußspitzen sich hebend, trocknete sie mit ihrem weißen Schürzchen die thränenüberflutheten Wangen des in seiner Freude fast zusammenbrechenden Greises. Doch endlich gelang es ihm, sich in so weit zu fassen, das Schreiben seines Enkels zu lesen. — Es bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen, aber es enthielt auch zugleich die Angabe des Aufenthaltortes seines Lieblings. „Gott sei Dank! Gott sei Dank!" flüsterte er einmal über das andere. „Wann kommt Hugo, Großpapa? wann kommt er?" „Mit Gottes Hilfe hoffe ich noch vor dem nächsten Sabbat ihn zu Dir zu führen." Die Kleine jubelte laut, und die treue Alte hielt den Schürzenzipfel vor die Augen, die Freudenthränen zu trocknen. „Susanne," sprach Grün, nachdem er einige Minuten in einem „Eisenbahnführer" geblättert, „wenn Sie etwas zu essen haben, so bringen Sie es schleunigst, herein, in einer Stunde muß ich auf dem Bahnhof sein." „Um Gott, Herr Grün. Sie wollen doch nicht schon wieder fort?" „Gewiß, Susanne, um Hugo zu holen." „Um Gotteswillen, Herr Grün, Sie sind ja eben erst die Nacht durchgefahren, ruhen Sie doch bis morgen aus." Lächelnd schüttelte der Greis das kahle Haupt, er schien in den letzten zehn Minuten um ein Jahrzehent verjüngt. „Sputen Sie sich nur, gute Susanne, daß ich etwas zu essen bekomme, und dann lassen Sie mir einen Wagen besorgen." Die treue Alte versuchte noch Einwendungen, sie fürchtete in der That, diese übermäßige Anstrengung könne seine Gesundheit vollends untergraben, doch er ließ sich nicht halten, er sollte wissen, w/> sein Hugo weilte und sollte so zögern zu ihm zu eilen? unmöglich. — Rasch hatte er das einfache Mahl beendet, den Schlafrock abgeworfen und war wieder in die Reisekleider gefahren, der Koffer war noch gepackt. Er umarmte Selma, nickte Susanne einen Gruß zu und eilte wie mit Jugendfrische die Stiegen hinunter. Erst als er im Wagen saß, erinnerte er sich, daß er eigentlich heimgekommen war, um seine geschäftlichen Verhältnisse zu ordnen. Doch wie hätte er in den verflossenen Stunden daran denken können! Wenn er nur erst seinen Hugo wieder haben würde, dann würde er auch wieder im Geschäfte thätig sein und arbeiten, doch bis dahin mußte alles weiter gehen wie es eben ging. * Der Tag neigte sich zu Ende, langsam sank der glühende Sonnenball hinter die Berge und vergoldete mit purpurnem Glanz den Himmel und die Fenster der östlich gelegenen Villen und aus den leicht sich kräuselnde« Wellen des herrlichen

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