Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447767--14925-2470853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
491 Z . . . . See's strahlten die Reflexe dieser magischen Beleuchtung. Hugo stand am geöffneten Fenster und schaute hinab auf die wunderbar schöne Landschaft. Bald rnhte sein Auge auf der glitzenrden Fluth, bald schweifte es hinüber aus die bis zum Bahnhof sich erstreckende Landstraße. Emma lehnte im Fauteuil gegenüber und blätterte in einem neuen Roman, nur zuweilen glitt ihr Blick prüfend, wie lauernd, über das Antlitz ihres schönen Knaben. Es war doch ein seltsames Kind, sechs Tage waren ungefähr verstrichen, seitdem eine so auffallende Veränderung mit ihm vorgegangen, seitdem sein starrer Trotz gebrochen. Zwar wollte er ihre Liebkosungen noch immer nicht erwiedern, aber er wehrte sie wenigstens nicht ab, und wenn er auch die frommen Lehren des Priesters sich vielleicht noch nicht zu Herzen nahm, so widersprach er ihnen doch nicht und spottete nia-t mehr darüber. Uud was in Emma's Augen die Hauptsache war, er war seitdem heiter. Aber nicht selten hatte seine Heiterkeit einen Anschein von Aufregung, den die Mutter sich nicht zu erklären vermochte. Und in den Abendstunden war er fast immer träumerisch und das Fenster dort, das die schönste Fernsicht bot, war dann sein liebster Aufenthaltsort. Und seltsam, Emma hat das schon wiederholt beobachtet, wenn das schrille Pfeifen der heranbrausenden Locomotive durch die Luft drang, dann fuhr der Knabe zusammen und eilte zum "Fenster und lehnte sich weit hinaus. Jetzt eben wieder. Man hatte das Pfeifen der Locomotive vernommen u d weit über die Brüstung beugte sich der Knabe, so daß die Mutter besorgt ihn zur Vorsicht mahnte. Einen Augenblick zog er sich zurück, aber gleich darauf lehnte er mit dem halben Oberkörper aus dem Fenster. Emma aber, eben in eine interessante Partie ihres Romans vertieft, gewahrte die gefährliche Stellung ihres Kindes nicht. Da plötzlich schrie dieses laut auf und eilte zur Thür hinaus. Emma schaute sich überrascht um, doch sie wähnte, der Lehrer habe vielleicht den Knaben gerufen, um einen Spaziergang mit ihm zu unternehmen, und so las sie ruhig weiter in ihrem interessanten Roman, trotz der hereinbrechenden Dämmerung. Inzwischen war Hugo die Stiegen hinuntergestürzt, zum Hause hinaus, vor dem soeben ein Wagen hielt, aus dem zwei Herren stiegen. „Großpapa!" schrie er, „Großpapa! lieber, lieber Großpapa!" und jauchzend sprang er an dem alten Mann empor, der zitternd und sprachlos, aber laut weinend vor Freude ihn in die Arme schloß. Doch der Kleine hatte feine Fassung rasch wieder erlangt. „Komm, Großpapa!" drängte er, „laß uns geschwind in den Wagen steigen und fortfahren, die Mamma könnte sonst herunterkommen und mich nicht fortlassen wollen." „Der Kleine hat recht, Herr Grün," sprach sein Begleiter, „es ist in der That das Beste, was Sie thun können. Sie fahren unverzüglich mit dem Kinde in's Hotel, während ich mich hinauf zu der Dame verfüge, um Sie vor ferneren Belästigungen zu sichern." Er half dem furchtbar erregten Greis wieder in den Wagen, hob den Knaben nach, bezeichnet dem Kutscher das Hotel, zu dem er fahren sollte und begab sich dann in's Haus. Es war ein Polizei - Commissär. Noch im richtigen Moment hatte Grün daran gedacht, daß es ohne gerichtlichen Beistand wohl schwer halten dürfte, das Kind der Mutter zu entreißen, denn an dem Couvert, in das Hugo seine Schreiben gelegt, hatte er erkannt, daß die Geistlichkeit ihr zur Seite. Er hatte es daher vorgezogen, seine Abreise um einige Stunden zu verzögern und hatte diese benützt, die Polizei seiner Heimath zu veranlassen, an die Polizei in Z .... die telegraphische Weisung ergehen zu lassen, ihm zur Wiedererlangung seines ihm geraubten Enkels behilflich zu fein. Mit der größten Bereitwilligkeit ward seinem Begehren entsprochen; denn Grün war eine allgemein geachtete Persönlichkeit und sein tragisches Geschick , sowie die scandalöse Aufführung seiner Schwiegertochter hatte die Theilnahme für ihn erhöht und in warmen Worten hatte seine heimathliche Behörde diejenige in Z .... aufgefordert, ihm Beistand zu leisten. Gleich nach seiner Ankunft hatte er sich daher zur Polizei begeben, wo ein Commissär sich ihm sofort zur Verfügung gestellt. Die jubelnde Freude des Kindes, die übergroße Erregung des alten Mannes hatte das Interesse des theilnehmenden Beamten erregt, er wollte das Seinige thun. Einen ihm entgegen kommenden Diener hatte er nach der Dame des Hauses gefragt und dann begab er sich unverzüglich nach dem ihm bezeichneten Zimmer. Er klopfte an die Thür und auf das einladende Herein trat er in's Zimmer. (Forts, folgt.) »