Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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seine Qual noch zu vermehren, hatte er durch einen unglücklichen Zufall — die Kerker in Prag waren zur Zeit seiner Verurteilung überfüllt gewesen — seine Strafe nicht in seiner Vaterstadt, sondern in Brünn am Spielberg abgebüßt und war so durch volle sieben Jahre ohne Nachricht aus derHeimath geblieben. Vor wenigen Tagen war seine Strafzeit beendet, er war entlassen und unter sicherer Begleitung nach Prag geschickt worden. Hier war ihm von der Behörde erklärt worden, daß er unter polizeilicher Aufsicht stehe und sich von Prag nicht entfernen dürfe. Er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, er besaß kein Mittel, sich dieser drücken den Bestimmung zu entziehen. Er konnte voraussehen, daß seine Lage in einer Gemeinde, wo ihn einst Jeder früher als anständigen jungen Mann gekannt hatte und jetzt für einen schweren Verbrecher hielt, geradezu eine gräßliche werden müßte, und das einzige Mittel, das es gab, ihn vor einer so entsetzlichen Zukunft zu bewahren, — den Selbstmord, — mochte ein gläubiger Jude jener gottvertrauenden Zeit nicht in Anwendung bringen. Allein wenn ihm auch die ganze Welt offen gestanden, wenn er in der Wahl seines Aufenthaltsortes unbeschränkt gewesen wäre, hätte er doch zuerst die Vaterstadt besucht; in dieser lebten zwei Wesen, an die sein Herz mit unzerreißbaren Fäden geknüpft war. — seine Mutter, und Wilhelmine Erdmann, seine ehemalige Verlobte. Die Hoffnung auf das Mädchen seiner Wahl hatte er schon längst aufgegeben, und in den sieben langen bangen Jahren seiner Kerkerhaft hatte der Gedanke mit tiefem wilden Schmerze seine Seele zerrissen. Wilhelmine Erdmann hatte ihn einst geliebt — gewiß! aber wenn sie von seiner Schuld überzeugt war — so mußte es ja anders worden sein, nnd es stand ihm ja kein Mittel zu Gebote, sie von seiner Unschuld zu überzeugen, und selbst, auch wenn er dies vermocht hätte, liebte er Wilhelmine zu rein und selbstlos, um sie zu seinem Weibe zu machen, um ihr Loos an seines, an jenes eines elenden, unglücklichen Menschen knüpfen zu wollen; — aber seine Mutter! — die — die mußte es ja instinktiv fühlen, daß ihr Kind unschuldig verfolgt wurde, — der Glaube einer Mutter an ihr Kind, an ihn, der halte doch durch nichts erschüttert werden können, — die Mutter? die ihn unter ihrem Herzen getragen, gepflegt, geliebt, mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit, — die Mutter mußte ihn ja wieder aufnehmen, und wenn ihn auch die ganze Welt verstieße, als Bösewicht verdammte; — an der Mutter weichem, warmem Herzen hoffte er sich so J recht ausweinen zu dürfen — und wenu er auch dazu verurtheilt war, Wilhelmine zu verlieren, unverdiente Schmach zu ertragen, auf jedwedes andere irdische Glück zu verzichten; —wenn er seine Mutter lebend fand — was lag dann an allem Uebrigen? — In seiner Mutter hätte er sein verlorenes Lebensglück wieder gefunden, mit ihr hätte er zufrieden zusammengelebt, für sie wäre ihm die härteste, körperaufreibendste, gemeimre. niedrigste Arbeit süß und angenehm gewesen, für sie hätte er von früher Morgenstunde bis spät in die Nacht hinein unaufhörlich und unermüdlich gearbeitet, bis ihm das Blut unter den Nägeln hervorgespritzt wäre, — wenn er nur dann bei seinem treuen, lieben Mütterchen sitzen, ihr in's traute Gesicht blicken konnte! — Diese einzige schöne Hoffnung war cs, die seinen sinkenden Muth aufrecht erhalten! In langen schlaflosen Nächten in seiner einsamen Kerkerzelle hatte er sich's in Gedanken wohl tausendmal vorgestellt, wie er endlich vor feine Mutter hintreten würde — in seiner Vorstellung erschien ihm der Moment zuweilen entsetzlich peinlich — aber daß er auch diesen Moment, dem er zuweilen mit Bangen und Schmerzen, zuweilen mit jubelnder Freude entgegensah, überstehen würde, und wie sich dann denn doch seinem armen verpfuschten Leben irgend ein Zweck gestalten konnte — und nun — als er heimgekommen, war das Allererste , was er erfahren, daß seine angebetete Mutter, für deren Wohlergehen er Alles, was er je besessen, willig und freudig geopfert, — todt war, — daß sie arm, blind, verlassen gestorben! Der Schlag hatte ihn mit zerschmetternder Wucht getroffen! ... Er fühlte brennend das Bedürfnis, seine quälenden Schmerzen in irgend eine theilnehmende Seele zu ergießen. — aber er hatte jetzt keine auf der weiten Welt! ... Er gedachte nun auch des zweiten Wesens, das er liebte, . . . . Wilhelmine Erdmann hätte er gerne gesehen, eS zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft zu ihr hin, — aber um keinen Preis wollte er von ihr gesehen werden, — dys hätte seine ohnehin erschöpften Kräfte überstiegen. ... Es gab jetzt auch in seiner Vaterstadt nur eine Stelle, an der er irgend ein Anrecht geltend machen konnte, — und diese war das Grab seiner Mutter! (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).