Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1878)
- Date
- 1878-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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485 P a l ä st i n a. Jerusalem. Frau Bertha Bertrand, eine französische Glauiensgenvssin, hat den Raum der ..Königsgräber" gekauft und ihn der sephardischen Gemeinde geschenkt. Es dürfen daselbst keine Ausgrabungen mehr stattfinden. Nach jüdischer Tradition ist Kalba Sabua daselbst begraben. (Jew. Ehr.) e u i I 1 e t o n. Simon Keding.') Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von 8. Koliu. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) „Und . . . und . . . was waren ihre letzten Worte?" frug er weiter mit erstickter Stimme. „Sie ist bei voller Vernunft gestorben, sie sehnte sich nach ihrem ungerathenen Sohn — und ihr letztes Wort war noch ein Segen für den ungerathenen Sohn . . „Den ungerathenen Sohn!" schrie der Fremde wieder laut auf — „waren das ihre eigenen Worte?" „Nein!" entgegnete Dinah, „das mein' nur ich so — sie hat ihn doch geliebt — bis zum letzten Augenblick!' „So ist mein armes, gutes, liebes Mütterchen todt!" sprach der Fremde, mit unbeschreiblicher Traurigkeit sein Haupt auf die Brust senkend, — „und ich mußte fern von ihr sein, als sie arm, elend, unglücklich, blind und verlassen Karb — und ich ... ich ... ich bin nun ganz allein und verlassen auf der weiten Welt — o Gott! allein und verlassen — mit meiner unverdienten Schmach!" Der Fremde schien sich mit dem Aufgebote aller Kräfte zu sammeln, und sprach zu der alten Dinah gewendet: „Euch danke ich aus voller Seele und aus ganzem Herzen für die Gutthat, die Ihr meiner Mutter erwiesen; ob ich je einmal in die Lage komme. Euch diese Wohlthat vergelten zu können, weiß ich nicht — ja, ich zweifle daran, aber es lebt ein Gott, ich sag' Euch, es gibt einen Gott! und — der wird Euch das lohnen, was Ihr an meiner Mutter gethan und" . . . wieder zitterte seine Stimme vor gewaltsam unterdrückten Thränen, „war mir auch nicht vergönnt, mein gutes Müt- *) Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersctzungsrecht Vorbehalten. Lerchen nach sieben entsetzlicheu Jahren lebend wieder zu finden, so ... . will ich wenigstens an 'ihrem Grabe beten" — und nochmals ergriff Reding mit leidenschaftlicher Heftigkeit die Hand des alten Mädchens und führte sie an seine Lippen - dann stürzte er, so rasch er konnte, aus dem Hausflur. Die alte Dinah hatte die dem wild überströr menden Gefühle entspringenden, ihr unverständlichen ' Worte des gebildeten Mannes nicht recht verstanden, sie konnte daraus nur das Eine entnehmen, daß er ihr für die Theilnahme, die sie der Wittwe Reding geschenkt, warm dankte, — und daß er deren Sohn sei. Unwillkürlich rieb sie mit ihrer Schürze die Stelle der Hand, die Redings Lippen berührt hatten, dann im dringenden Bedürfnisse, ihr Herz durch Mittheilung zu erleichtern, wendete sie sich in Ermangelung eines andern Zuhörers an das kleine Mädchen und sprach: „Weißt Du, Libele, mein Kind, wer das war?" und als das Kind versicherte, das nicht zu wissen und seme wirren Reden nicht verstanden zu haben, neigte Dinah geheimnißvoll ihren Mund an des Kindes Ohr und sagte, „das war Rifke Reding's Sohn, Simon Reding. der große Gannow^). „Der große Gannow!? . . . wiederholte das Kind ganz erschrocken, daß ihm sein kleines Herz im Busen pochte, und die großen schwarzen Augen weit aufreißend, „wie leicht hätt' er mir nit können e Semmel wegchappen^). „Ah! mit solchen Sachen gibt sich so Einer nit ab; unter Alofimerthut's der nit!" Jetzt erst fiel es der aufgeregten Dinah wie Bergeslast auf die Seele, daß sie sich eine arge Pflichtverletzung zu Schulden hatte kommen lassen; die Barches, die schon längst der vollendenden Hand des Bäckers hätten überantwortet sein sollen, , standen noch immer ungebacken da, ein jäher Schreck, fast mächtiger noch als jener, der sie erfaßte. als sie inne geworden, daß „der große Gannow" ihre Hand geküßt, durchschauerte sie und mit dem gellenden Ausrufe: „Schomajim woorez! 23) die Barches können übergangen sein!" eilte sie nun, so rasch sie ihre alten Füße trugen, zum Bäcker. Zweites Kapitel. Simon Reding hatte an dem ersten Tage, als er wieder den Boden seiner Vaterstadt betreten, so unendlich Schmerzliches, so viel Seelenbedrückendes erfahren, daß sich seine Lage zur vollsten Unerträglichkeit gestaltet hatte. Er war sieben Jahre lang in Ketten im Zuchthause gesessen, und um 20) Dieb. 21) etwa wegreißen, wegeskamolireu. 22) Tausender. 23) Himmel und Erde.