Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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461 Saarlouis. Aus dem Flugblätter „Ueber die Zunahme der Verdächtigungen und Verläumdungen gegen Juden nnd Judenthum im Gegensätze zu der Zunahme des Wuchers und der Halsabschneiderei." Ein Wort der Abwehr an die «Saarzeitung." Von L. Wolfs, Prediger, entnehmen wir folgende Stelle: Der Artikel der „Saarzeitung" führt uns zwei Personen in Scene; den Juden als Händler, Schwindler, Wucherer und Halsabschneider, sodann den armen Bauer als Käufer und Betrogener. Der Jude wird reich und zieht in größere Städte und kleidet sich am Sabbat in elegante Modetleider. Der Bauer zieht ebenfalls in die Stadt, aber als Taglöhner und vermehrt dort die Zahl der Proletarier und Socialisten. Der Wunsch, daß einst das rothe Gespenst der Commune den sündhaften Juden verschlingen wird, bleibt vorerst wohl noch ein frommer Wunsch. Eines aber hat der Schreiber des Artikels übersehen. Wann er die Wochenmäkte in den Städten besucht, um den Juden bei seinem betrügerischen Handel zu ertappen , so kann er außerdem noch finden: ungenieß^ bares Wild, verfälschte Butter, verdünnte Milch und mitunter auch unreifes Obst; außerdem kann er die Marktpolizei beobachten, wie sie wegen ungenügendem Gewicht Protokolle macht. — Wie viele jüdische Bauern machen denn derartige Geschäfte und betrügen die Consumenten nicht allein mit schlechter Waare, sondern schädigen sie auch an der Gesundheit, am Leben? Sollte es wirklich den Correspondenten des protestantischen „Reichsboten" und der ..Saarzeitung" entgangen sein, daß vor einigen Monaten in Wurzen Hunderte in Folge des Genusses von schlechtem Fleische erkrankt und zum Theil gestorben, und sich trotz dieser furchtbaren Warnung dieselbe Geschichte in Zeitz wiederholt. Wenn unter allen diesen Lebensmittelverfälschern, — die sich, nebenbei gesagt, zum größten Theil aus den für beschränkt bezeichneten Bauern rekrutiren, nur einige Juden gefunden hätten, so käme von Seiten der „Saarzeitung" das ganze Judenthnm an den Pranger. Bor betrügerischem Handel von gewissenlosen beschnittenen oder unbeschnitlenen Wucherern kann sich Jeder schützen, denn wir haben eine weitgehende Concurrenz; gegen jene gewissenlosen Subjecte, die Morgens den Kaffee durch verdünnte Milch mit Kalk, und Zucker mit Schwerspat; Mittags das Diner durch Fleisch von crepirtem Vieh und Abends das Bier durch Glycerin und andere Substanzen zergiften» gibt es vorläufig keinen genügende« Schutz. — Hier ist Schmutz, hier kehrt! Sehen wir uns einmal die Haustrjuden, wie sie allerdings in vielen Gegenden noch zahlreich! angetroffen werden, etwas näher an. Wenn man! dem Gespenst, wie es hier vorgemalt wird, etwas! näher tritt, so verliert es viel von feiner Schrek-! kensgestalt. l Dort keucht er den Berg hinan, wie ein Last-! thier bepackt und kommt schweißtriefend an den! Ort seiner vorübergehenden Bestimmung. Er hat sich schon früh auf die Beine gemacht, denn der Bauer geht auf das Feld, die Frau schließt selten selbstständig auch nur das kleinste Geschäft ab. Nun geht er von Haus zu Haus, verkauft hier eine Elle Tuch, tauscht dort für andere Waare alte Lumpen rc. ein, die er in einen zweiten Quersack mit sich führt; so geht er Dorf für Dorf, den ganzen Tag, denn sein Mittagsessen nimmt nicht allzuviel Zeit in Anspruch. Ei und Brod, l wenn er üppig wird, auch ein Stückchen Käse macht seine Mahlzeit, die Abends mit ein-r Tasse Kaffee abwechselt. Er ist strenggläubig dieser arme Hausii-jude in der Provinz Hessen, in Posen und an der Nordsee, und lebt nicht einen Tag nach oben | beschriebener Weise, sondern das ganze Jahr hindurch von Sonntag bis Freitag-Nachmittag. Dieser Jude hat im wahren Sinne seiner Bibel, im Schweiße seines Angesichts nothdürftig sich und die Seinen die Woche hindurch ernährt,' und freut sich des kommenden Sabbats, an dem er mit gutem Gewissen in bessern Kleidern auf den Dörfern einherstolziren kann. Er hat aber noch andere Eigenschaften, von denen weder der protestantische „Reichsbote" noch die „Saarzeitung" eine Ahnung zu haben scheinen. So besitzt er eine sprichwörtlich gewordene, wahrhaft bewunderungswürdigeOpferwilligkeit und Mildthätigkeit. — Die Armen allerwärtö können davon erzählen, daß sie an einer Thüre, an der die sog. Zehngebotenschrift in einer Blechkapsel sich befindet, selten vergebens klopfen uyd das Almosen stets von einem freundlichen Worte begleitet wird. Außerdem aber sorgen diese Landgemeinden, die größtentheils aus 20—25 Hausirjuden bestehen. für ihre Schule und ihren CultuS. — ES kann nicht in Betracht kommen, daß beispielsweise die hiesige isr. Gemeinde zu der bekannten nicht geringen Gteuerquote an Staats- und Communaladgaben, noch circa 4000 Mark für ihre Cultuseinrichtungea und 1200 Mark Almosen allein an durchreisende Armen gibt. — Diese Gemeinde gehört allerdings zu den wohlhabenden, die obenerwähnten Gemeinden im Weimar'schen und an der Rhön rc. bringen thatsächlich die schwersten Opfer für ihre Institutionen. Das ist der gefühllose schlaue zudringliche Hausirjude in Wirklichkeit und dem blinden Fanatismus wird es nicht gelingen, aus den — zum größ-