Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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’.-r .• - :•• ,• XIX. Jahrgang. Erste Seilage)« Ar. 19 des Israelit. Leitender Artikel. Ierobeams Separatismus und Ueform- Iudenthum. in. Nachdem wir an der Hand der geschichtlichen Urkunden nach gewiesen, daß der „Separatismus des Jerobeam", wie ihn die „Allg. Ztg. des Judenthums" zum Besten gibt, auf einer so vollen» deten Jgnorirung und Verdrehung der einfachsten Thatsachen beruht, daß dieser ganzen Mache von vornherein der Boden unter den Füßen entzogen wird, hat eine Widerlegung der übrigen Harlequinaden nur noch ein untergeordnetes, komisches Interesse. Jerobeam, so demonstrirt Herr —r in C., hätte seine Trennung nur dadurch bewirken können, daß er den Tempel mit seiner ganzen Cultuseinrichtung als Reform erklärt, und seinerseits die Stellung eines echt Orthodoxen, eines alten Glaubenstreuen . eingenommen hätte. ,,Und in der That," heißt eS wörtlich weiter, „waren denn die Gebete, Lieder. Instrumente. war der Bau eines Tempels aus Steinen, war die Pracht, der Glanz des Tempels, war das Alles, was David und Salomo anordneten (und selbst nach dem Talmud haben sie Neues angeordnet), war das Alles nicht Reform? Der orthodoxe Jerobeam erklärt einfach David und Salomo für Reformer und findet Anklang! Man darf hierbei nämlich nicht außer Acht lassen, daß die damaligen Zeitgenossen so wenig die Bibel kannten (sie war noch nicht verbreitet) als die heutigen Orthodoxen in den Gemeinden, die der Trennung sich anschließen, den Talmud kennen." Die auffallende Jdeenverwandtschaft dieser Drolligkeiten mit denjenigen, welche unser Rabbiner schon jahrelang von der'Kanzel herab zum Besten gibt, wenn er irgend eine neue Contrebande unter der Flagge des alten ehrlichen Judenthums einschmuggeln will, ließen ihn fast mit Evidenz als den Zeichner dieser verunglückten historischen Parallele vermuthen, wenn das Alles nur wenigstens originell wäre. — Unglücklicherweise steht es aber bereits schwarz auf weiß gedruckt, und zwar Bd. II, S. 12 der sogenannten Geschichte der Juden von Grätz. „Um aber nicht als Neuerer in der Gottes- | Verehrung zu erscheinen," heißt es daselbst von Jerobeam, „gedachte er den Stiercultus gerade als die alte Religion der Israeliten auSzugebeu. Hatten doch die Israeliten in Aegypten und auch noch später in ihrem Lande den Apis-Abir verehrt. Dagegen sollte der Gottesdienst im jerusal emitisch en Tempel ohne Bildniß der Gottheit als eine von Salomo eingeführte Neuerung undJerobeam als Wiederhersteller der uralten israelitischen Religion erscheinen." Dieser letzte Satz enthält eine völlig unbegründete Hypothese, oie man Grätz mit vielen andern Hypothesen hingehen lassen kann, die wir aber dem Herrn —r in C. nicht schenken wollen, weil der Nachweis ihrer Haltlosigkeit wiederum die so schön erträumte Parallele zwischen Jerobeam und den Orthodoxen zu Nichte mach:*). — Da wir jedoch auf diesen Punkt noch bei der Besprechung des jerobeamitischen Reformjudenthums zurückkommen werden, so mag für jetzt nur darauf hingewiesen sein, daß, wenn es wirklich wahr wäre, eS sei zu Jervbeams Zeit die Bibel im Volke noch gar nicht bekannt und verbreitet gewesen, dieser ganze dem Jerobeam zugeschriebene Humbug gar kernen Zweck und Sinn hätte. Wozu in aller Welt sollte Jerobeam seine Meinung als eine alte Religion ausgeben, deren Codex, deren Bestimmungen doch dem Volke unbekannt gewesen sein sollen? Hatten die jüdischen Stämme aber auch nur eine Ahnung von dem Inhalte des Gesetzes, dessen Geber sich ihnen am Sinai offenbart, und wiederholt hervorgehoben, daß er sein Bündniß mit der ganzen Gemeinde, *) Grätz, der wenigstens nie um Citate verlegen ist, bemerkt zu obigem Schlußsatz in einer Note: „Eine Analogie dazu bietet, daß Chiskijah, der den Götzencultus abgeschafft hat, als Steuerer verlästert wurde; Jesaia36, 7; Könige Ü. 18, 22." — Erscheint es schon bedenklich, Beweise für Analogien zu bringen, und darüber zu vergessen, daß vor allen Dingen der Fall, zu dem künstlicher Weise ein Analogon gesucht wird, erst zu beweisen wäre, so steigert sich diese Bedenklichkeit in volle Verwunderung, wenn man die citirte Parallelstelle selber nachschlägt. Es ist der assyrische Feldherr — der zudem nach der Tradition ein Apostat war — welcher dort spricht: „Erwidert man mir aber, auf Gott, unseren Gott vertrauen wir, so ist es ja Chiskijah, welcher seine Höhen und Altäre entfernt und zu Jehuda und Jeruschalajim gesprochen hat, vor diesem Altar bückt Euch. Wer sieht nicht ein, daß ein assyrischer Feldherr wohl glauben, oder ein 2lpostat wohl zu glauben Vorleben konnte, eine Abschaffung de8 Götzencultus sei eine Beeinträchtigung der wahren Gottesverehrung, ohne daß damit irn Entferntesten etwas für die Prämisse erwiesen ist, Chiskijah, der den Götzencultus abgeschafft hat, wurde als Neuerer verlästert!