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Der Israelit · 1878-05-08 · Heft 19 (8.5.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 19 (8.5.1878)
Date
1878-05-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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458 dem zwei riesig große BarcheS lagen, keuchend die Treppe herunter kommen sah. „Dinah!" schrie das kleine Mädchen, „der" sie wußte nicht wie sie den fremden Mann bezeichnen sollte „Schnorrer" schien ihm eine richtige, aber keine höfliche Bezeichnung zu sein, und es substituirte statt dieses Wortes das auf ihrer Zunge schwebte „Bachur"") da, fragt nach der Almone") Rifke Reding. ob sie noch lebt und wo sie wohnt, kennt Ihr sie?" Der Fremde trat erschrocken bei Seite, so daß man in dem finstern Flur sein Gesicht nicht erkennen konnte. „Rifke Reding!" rief das alte Mädchen überrascht, „ob ich sie gekannt Hab!.die Arme! sie hat einmal hier gewohnt, — aber das sind schon hübsche Paar Jahre her — ein ganz braves choschewes 12) Weib ist sie gewesen.oleho hascholom1#). „So ift sie todt!?" entrang es sich der Brust des Fremden mit wildem, markerschütterndem Schrei, dann schwieg er einen Moment, endlich murmelte er leise: „Boruch Dason hoemes ") .... Wann ist sie gestorben, wo ist sie gestorben. wie ist sie gestorben, wie ist es ihr ergangen, als fie noch lebte, wer war bei ihr, als ihr der Todesengel die schöne reine Seele von den Lippen küßte — was waren ihre letzte Worte? o, so redet doch um des barmherzigen Gottes willen!" Die alte Köchin begann sich für den Fremden zu interessiren; sie setzte das schwere Backbrett mit den Barches auf die Kramstelle nieder, stemmte eine Hand in die Hüfte, mit der andern ergriff sie den Schürzenzipfel, den sie an die feuchten Äugen führte und sagte: „Rifke Reding ist vor drei Chodoschim^) im Hekdesch16) gestorben, sie hatte früher hier im dritten Stocke gewohnt, und ich dien' seit fünf und zwanzig Jahren hier im Hause.sie war 10) eigentlich Jüngling, wurde aber nur als Bezeichnung für Talmudjünger gebraucht. 11) Wittwe. 12) würdig. 13) Friede mit ihr! Wird von einem Dahingeschiedenen gesagt. 14) Gelobt sei der gerechte Richter! Segensformel beim Empfang einer Todesnachricht. 15) Monaten. 16) «Lv nennt man in Prag das von dem berühmten Gemeindewohlthäler, Mordechai Mrisl, im 17. Jahundert erbaute Spital, das noch heute besteht, vortrefflich verwaltet wird und sich eines vortrefflichen Rufes erfreut. nie reich aber aus guter Mischpoche"), sie war nie stolz gegen mich gewesen, und hat mir auch manches Gute erwiesen, und das habe ich ihr bis an ihr seliges Ende gedacht, früher hatte sie ihr Sohn gut ernährt; — aber wie sie das schwere Unglück betroffen hat — in kein Haus soll eS eintreten — hat es angefangen ihr nebbich") schlecht zu gehen — Zdoko 19) zu nehmen, war sie zu stolz, ein reicher Vetter, den sie gehabt hat, Reb Feiwel Bernitz, ist plötzlich verarmt und kurz darauf gestorben — und so hat die Arme Tag und Nacht nähen müssen, bis sie vor vielen Weinen und vielen Augenanstrengungen endlich vor zwei Jahren blind geworden ist." „Blind, arm, elend und allein!" stöhnte der Fremde in heißem Seelenschmerze auf. Die alte Köchin bemerkte in ihrer Schwatzhaftigkeit die Unterbrechung nicht und fuhr in ihrem Berichte fort. „Seit zwei Jahren hat sie bei einer armen Wittwe im Meiselgassrl gewohnt, und wie sie vor fünf Monaten so schwer krank geworden ist, hat Dr. Jeitteles gesagt, man muß sie ins Spital geben , sie hat keine rechte Wohnung gehabt, das Kammer! war feucht und dumpfig, die Fenster und Thüren sind im Winter halb offen gestanden, kein gut Stück Bett darauf zu liegen, kein Geld auf Fleisch und Suppe und Mdiezin, nichts — gar nichts hat die arme Rifke gehabt — und so mußte sie ins Spital gehen, und nach zwei Monaten ist sie dort gestorben. Ich war bei ihrem Tode, ich habe ihr mit meinen Händen die frommen blinden Augen zugedrückt!" „O! laßt mich sie küssen diese guten frommen Hände!" schrie der Fremde ekstatisch, und zu des alten Mädchens und des Kindes namenlosem Erstaunen ließ er den Worten auch sofort die That folgen, ergriff die harte, plumpe, abgearbeitete, unfömliche Hand der Köchin und führte sie inbrünstig an seine Lippen. (Fortsetzung folgt.) 17) Familie. 18) Ursprünglich eine Zusammenziehung von: Nie bei Euch! — ein Wunsch, der ausgesprochen wurde, wenn man von einem Unglück sprach, hat später in der Umgangssprache, seine ursprüngliche Bedeutung verloren, und wird jetzt als Ausdruck des Bedauerns, als Interjektion gebraucht. 19) Almosen, Unterstützung. Hierzu drei Beilagen. Berantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhanblung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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