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Der Israelit · 1878-05-08 · Heft 19 (8.5.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 19 (8.5.1878)
Date
1878-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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457 Enten, Hühner, Tauben ins Schlachthaus trugen oder aus demselben wieder zurückbrachten, und Alle schienen heiter erregt zu sein. Um so mehr hätte — wenn sich in der Menge ein ruhiger, aufmerksamer Beobachter befunden hatte — ein junger Mann auffallen müssen, der langsam durch das Pinkasschulthor in die Judenstadt geschritten war. Er war groß und schlank gewachsen; beim ersten Anblick erschien er häßlich, fast abschreckend, aber bei näherer Betrachtung ergab sich, daß der unangenehme Eindruck nur durch seine Kleidung und die sichtbare Verwahrlosung seiner Person hervorgerufen wurde. Das Gesicht des Mannes, der etwa dreißig Jahre zählen mochte, war von den Wirkungen des Grames und Kummers durchfurcht bleich und abgehärmt, und durch einen ungepflegten Bart so verunstaltet, daß die schöne, edle Bildung desselben erst bei einer genaueren Betrachtung hervortrat, wo dann auch die schönen großen braunen Augen angenehm auffielen. Seine ärmliche Kleidung war unpassend und unzusammengehörig zusammengestellt. Das rabenschwarze Haar, hier und da schon von einem verfrühten Silberfaden durchzogen, war von einer alten runden schäbigen Sammtmütze, am Rande mit einem Pelzftreifen besetzt, bedeckt. Die schlanke Gestalt stak trotz des heißen Junitages, in einem schweren braunen Winterrock, den sie in seiner Breite nicht auszufüllen vermochte, und der in unschönen Falten an ihr niederhing. Die Beinkleider waren von gröbster Strohsackleinwand, und überdies unten zerfranst, die Füße stacken in großen, ordinären Schuhen, die an der Oberseite nothdürftig mit j Bindfaden zusammengehalten wurden. Beim Gehen j schleppte der Mann einen Fuß nach, wie wenn! dieser gelähmt wäre, aus diesem Grunde mußte ' er sich wohl auch auf einen Stecken allerprimitiv-; ster Art. einen einfachen geschälten, gerad gewach-! jenen Baumast stützen. Der Fremde war. als er das Ghetto betreten, einen Augenblick, wie von mächtiger Bewegung übermannt, stehen geblieben; dann aber schlich er,! als wolle er jede Begegnung vermeiden, sich ängstlich. an den Häusern andrängend, die ganze Pinkasgasse und deren Verlängerung, die breite Gasse; entlang. Zuweilen, wenn er in dem lebhaften Gej woge, mit Jemandem, der ihm in geschäftiger Eile j entgegenkam, unfreiwillig zusammenstieß und dieser i unwillkürlich aufblickend ihm in's Gesicht sah, senkte! er wie bestürzt den Blick zu Boden, und es schien ihn ein leichter Fieberfrost zu durchschütteln. Einige der Vorübergehenden vermutbeten dem Aeußern nach in dem Fremden einen jener Wanderbettler, wie diese stets aus allen Weltgegenden karawanenweise in Prag zufammenströmten und hatten es versucht im raschen Vorüberhuschen dem Fremden eine Kupfermünze in dir Hand zu drücken, allein, da dieser keine Miene machte, die kleine Gabe zu empfangen, zogen die Spender die Hand zurück, zu langen Erörterungen war an einem Erew Schowuos keine Zeit und sie eilten weiter, ohne sich um den Unbekannten zu kümmern. Dieser schien froh zu sein, als er die Hauptstraße passirt hatte und jetzt in ein stilles unbelebtes Seitengäßchen einbog. Wieder blieb er einen Augenblick, tief aufathmend stehen, dann nahm seine Gangart einen eigentümlichen Charakter an, zuweilen beschleunigte er seinen Schritt, als könne er gar nicht erwarten an sein Ziel zu gelangen; — plötzlich verlangsamte er diesen wieder, als wolle er den Zeitpunkt seiner Ankunft hinausschieben, — endlich war er vor einem dreistöckigen Hause stehen geblieben. Eine gewaltige, unbeschreibliche Erschütterung erfaßte den Mann, ein convulsivisches Beben durchzuckte seinen Körper, Purpuraluth und Leichenblässe wechselten jäh in seinen vor Seelenschmerz verzerrten Zügen, er war gezwungen sich an die Mauer anzulehnen Im Hausflur saß ein kleines Mädchen bei einem Semmelkram, die Mutter war wohl in der Wohnung durch die Vorbereitungen zumJomtow^) festgehalten und hatte das leichte Geschäft des Verkaufes der siebenjährigen Tochter übertragen. „Liebes Kind!" frug der Fremde mit bebender Stimme, „kannst Du mir nicht sagen, ob hier noch die Wittwe Rifke Reding wohnt?" „Ich kenn? alle Leute. die hier im Hause wohnen", entgegnete das Kind, „hier wohnt keine Frau, die so heißt." „Sie wohnt also nicht mehr hier?!" sprach der Fremde im Tone der Enttäuschung — „aber", es schien, als wenn er vor Aufregung nicht sprechen könnte, und er erfaßte leidenschaftlich die Hand des erschreckten Kindes, „nicht wahr, sie lebt noch — o! Gott ja. ganz gewiß, sie muß ja noch leben, sie war ja nicht alt. als ich . . . wegging! nicht wahr, mein liebes, gutes, herziges Kind, . ... die Wittwe Reding lebt noch.lebt noch ad meo schonim^)!" Das Kind fürchtete sich vor dem wild aussehenden, sich wie verzweifelnd geberdenden Manne, sie glaubte er sei berauscht, wenn nicht gar verrückt, und sie war froh, als sie nun die alte Köchin aus dem ersten Stocke mit einem Backbrette, auf 8) Feiertag. 9) bis hundert Jahre! ein Wunsch, den man hinzufügt, wenn man das Alter einer geliebten Person ausspricht.

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