Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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456 LigeS Treiben. Das Ghetto hatte heute seine Physiognomie völlig verändert, eS hatte sich zu einem Blumenmarkte umgewandelt, die zahllosen Kramstellen und Stände — auf welchen, auf der untersten Stufe der Commerz treibenden Welt stehende Händler, alle nur erdenklichen Gegenstände: Kleider, Stiefel, Bücher, Brieftaschen, Spiegel, altes Eisen, Hüte; endlich auch Obst, gebackene Fische, gebratene Leber, Gansstücke, gekochte Erbsen und noch eine ganze Masse anderer Dinge feil boten — hatten sich heute in der bescheidenen Erkenntniß. den Förderern des Festschmuckes, den Vorrang lassen zu müssen, hart an die Häuser gedrückt, und den Mittelraum der Straße, den Bäuerinnen überlassen, welche in unabsehbarer langer Reihe, vom Pinkasschul-, bis zum Altschulthor, den beiden Hauptstraßen der Judenstadt, die eine gerade Linie bilden, Blumen. Sträuße, Guirlanden, wohlriechende Gräser und Laubwerk anboten, und für ihre duftenden Maaren auch rasch befriedigenden Absatz fanden. Es wogte eine freudig aufgeregte Volksmasse durch die Straßen, so weit das Auge reichte, sah man Blumen und Laubwerk und ein mit etwas Phantasie begabter Mensch konnte sich bei dem fast betäubenden Pflanzendust in einen künstlich angelegten Garten versetzt denken, um so mehr als auch lustiges Vogelgezwitscher nicht fehlte. Dieses entstand aber auf nicht ganz gewöhnliche Welse. Die Prager Judenstadt erfreute sich nämlich von jeher einer großen Zahl von Gassenjungen, und diese halten das Kunststück erfunden aus dem Wurzelstock des Kalmus — der an diesem Tage seines scharfen, gewürzhaften Geruches wegen in großen Massen zum Verkaufe zugeführt und in den Synagogen und Privathäusern auf den Fußboden gestreut, au den Thüren und Hängelampen angebracht wurde — Pfeifen zu schneiden und auf diesen das Vogelgezwitscher, mehr oder weniger gelungen, nachzuahmen. Allerdings kann es nicht mir Stillschweigen übergangen werden, daß bei Ausübung dieses musikalischen Talentes entschiedener Mißbrauch getrieben, und das Gehör erwachsener Menschen in ungebührlicher Weise belästigt wurde, denn, wenn in einem diäten Menschenknäuel gleichzeitig plötzlich fünf oder sechs Kalmusvirtuosen, in den verschiedensten Tonarten zu zirpen, piepen, zwitschern und zu trillern begannen, so konnte dies kaum als ein Kunstgenuß betrachtet werden, und während ruhige, phlegmatische Naturen sich nur einfach die Öhren zuhielten oder durch mißbilligendes Kopffchütteln den geringen Grad des ihnen verursachten Vergnügens ausdrückten, pflegten entschlossenere Charaktere stärkere Mittel nicht zu verschmähen, und inhaltskräftige Zurufe, als: „Schweig still, Du Schuppenjung 2)! ' „Halts Maul, Du Hullomerb)!" mitunter auch die etwas weiter gehende Phrase: „Sei stumm und krumm!" — die aber nicht ernst gemeint, und nur von Freunden eines hübschen sinnigen Reimes beliebt wurde, schwirrten wie Maikäfer durch die Luft. Zuweilen auch wenn der Lärm zu heilloS wurde, und die nur mündlich angedeuleten Wünsche keine billige Beachtung fanden, waren Anhänger eines etwas energischeren Erziehungssystem nicht selten veranlaßt, die erfolglosen Verbalinjurien, durch Püffe, Schopfbeuteln und andere derartige drastische, schwer zu verkennenden Mrßbilligungsäußerungen zu unterstützen, womit aber durchaus nicht behauptet werden soll , daß auch die so entschieden Vorgehenden ein besonders beachtenswerthes Resultat erzielt hätten. Zu jener Zeit war schon der Vortag eines Feiertags, ein Festtag, und die Freudigkeit, mit der er empfangen wurde, prägte sich in allen Physiognomien deutlich aus. Neben den Blumenkaufenden, ernsten Männern, Synagogenvorstehern, von den Schammoßim^) begleitet, die Gewächse und Guirlanden zum Schmucke des Gotteshauses, Frauen und Kindern, welche Blumen zur Verzierung der Wohnungen kauften, drängte sich noch eine große Zahl von Menschen, die fast Alle, auch äußerlich ersichtlich mit den Vorbereitungen für das Fest beschäftigt waren. Da schritt ein ältlicher Herr, den dreieckigen Hut am Kopfe, ein angesehener Kaufmann, der es trotzdem nicht unter seiner Würde hielt, in dem blauen Schnupftuch einen zappelnden Fisch, den er lechowed jomtow^) selbst gekauft, nach Hause zu tragen. Dort vor dem Keller des Weinhändlers stand eine Gruppe, die sich ihren Bedarf für den Kidusch* 4 * 6) schon recht frühzeitig besorgen wollte, und aus den Läden der Krämer, Gewürz- und Mehlhändler strömten förmliche Karawanen, dazwischen mitten geschäftig, Fleischerbursche mit geflochtenen Platten auf dem Kopf, auf denen sie den Reichen Fleisch in's HauS trugen, Mädchen und Frauen, die auf Backbrettern Barches7) oder Kuchen zu dem Bäcker, wieder andere, die alle möglichen Geflügelsorten, Gänse, 2) 3) In der Prager Judenstadt gebräuchliche Schimpfworte. 4) Diener, Synagogendiener. o) zu Ehren des Festes. 6) Segensspruch über Wein. 7) Waizenbrod, geflochten und mit Mohn bestreut.