Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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439 doch, welche Ergebung in dem Blick. — Und er ist auch für Dich gestorben, mein Kind." „Aber sagen Sie mir doch, Hochwürden, warum ist er denn eigentlich gekreuzigt worden?" „Das habe ich Dir wiederholt erzählt; weil die verstockten Juden feine Lehren nicht anerkennen wollten, weil sie —" „Ach das weiß ich wohl, aber ich meine, warum sie ihn nicht gesteinigt haben?" „Gesteinigt?" Der Geistliche war starr vor Staunen, „aber um des Himmelswillen, Kind, warum hätten sie ihn denn steinigen sollen?" „Ich habe eS doch gelernt, daß Gott gesagt hat, wenn ein Prophet auftritt, der auch im Namen anderer Götter zu Euch spricht, so sollt Ihr ihn steinigen, aber von kreuzigen steht gar nichts." Der Priester stieß einen schweren Seufzer aus. „Ach, wenn es doch endlich gelange, daS Herz chieses verstockten Kindes zu erweichen," murmelte er, den Blick noch oben richtend. Und mit sanften, beredten Worten war er eifrigst bestrebt, die Zweifel des Kindes zu bannen, aber die unverändert höhnische Miene desselben ließ ihn an dem Erfolg seiner Lehren fast verzweifeln. Der Lehrer hatte sich schon müde gesprochen, als ein Diener in's Zimmer trat und ihm ein couvertirtes Schreiben überreichte; er erbrach es und las, während Hugo nach Kinderart sich des Couverts bemächtigte und die Adresse studirte. „Sr. Hochwürden Herrn Pater Ambrosius in Z... Villa Louise. Hochwürden. Sie heißen auch Pater Ambrosius?" rief Hugo ganz erstaunt. „Freilich heiße ich so," entgegnete lächelnd der Lehrer, „hast Du das noch nicht gewußt?" „Nein, ich habe immer geglaubt. Sie hießen nur Hochwürden und habe mich immer gewundert, daß Niemand Herr Hochwürden zu Ihnen sagt." Der Priester lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten, die Bemerkung war zu naiv, dann aber bemühte er sich, seinem Schüler die Bedeutung des Wortes Hochwürden zu erklären. Doch der Kleine war schon wieder in seine gewohnte Unaufmerksamkeit verfallen. „Woher ist denn den Brief?" fragte er, das Couvert noch immer betrachtend. „Der Brief kommt aus I ...., von einem guten Freund von mir." „Von I....? aber wir waren doch zuerst, als wir von I.... fort sind, in C...., wie hat Ihr Freund denn wissen können, daß Sie jetzt hier sind?" „DaS habeich ihm geschrieben, Dn kleine Einfalt Du. — Doch nun komm, wir müffen fleißig sein, und wenn Du brav aufmerkst, werde ich Nachmittags einen kleinen Ausflug mit Dir machen." Hugo sah ihn forschend an, ein seltsamer Gedanke schien in ihm zu erwachen. „Ich will sehr gut aufmerken," sagte er endlich, „aber werden Sie denn mit mir in die Stadt gehen und mir alle die Häuser dort zeigen?" „Gewiß, liebes Kind, wenn Du brav gelernt hast, mache ich Dir gern ein so unschuldiges Vergnügen." „Ich werde gewiß sehr gut anfmerkeu," wiederholte Hugo betheuernd. Und er hielt 'in Wirklichkeit, waS er versprochen und lernte heute mit einem Eifer, daß der Lehrer staunte und ihn mit Lob überhäufte. — Endlich war der Unterricht zu Ende. „Nun, werden Sie mit mir in die Stadt gehen?" fragte Hugo und blickte ängstlich fragend zu dem Lehrer auf. „Gewiß, mein Kind, Du hast es reichlich ver* dient. Doch das Lernen scheint Dich angestrengt zu habe». springe ein bischen hinunter in den Garten und erhole Dich, wahrend ich zu der lieben Mama gehe und ihr berichte, wie brav unser lieber Hugo heute gewesen ist." Der Knabe athmete hoch auf und stürmte hinunter in den Garten. Die frische Luft that ihm wohl, denn seine Stirn glühte, seine Aufmerksamkeit beim Unterricht hatte ihn heute in der That angestrengt, weit mehr als der Lehrer ahnte. Denn während des Unterrichtes war in seinem Kövfchen ein Plan gereift, der alle seine Fibern erbeben machte. Er staunte über sich selbst, wie hatte er Monate vergehen lassen können, ohne das zu thun, was doch so nahe lag. Er konnte doch schreiben, kannte die Adresse seines Großvaters; wie war es ihm bisher noch nie in den Sinn gekommen, an den Großvater zu schreiben und ihn zu bitten, ihn auS den Händen seiner Mutter zu befreien? — Doch nun war ihm die Idee gekommen, nun wollte er auch nicht säumen, sie ouSzuführen. Daß er eS heimlich thun mußte, das wußte er, denn nimmer würde seine Mutter oder sein Lehrer ein derartiges Schreiben abgehen lassen. Aber er wollte sie beide überlisten, und er lachte, seit vielen Monaten zum erstenmal, fröhlich in sich hinein. In die entlegenste Laube des Gartens schlich er, zog dort sein kleines Notizbuch aus der Tasche, riß zwei Blätter daraus uud schrieb mit Bleistift folgende Zeilen: