Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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-är 484 das kannst Du nicht verlangen, daß ich auf meine alten Tage noch Deutschland verlasse und nach Constantinopel reise. So sehr ich Dich auch liebe — die Reise ist mir zu weit, das Land zu fremd. Ja, wenn es sich um eine Uebersiedelung nach Prag oder Fürth oder Frankfurt oder Mainz, oder meinetwegen gar nach Wien oder Hamburg handelte, ich wäre bereit. Dir zu folgen. Aber nach Constantinopel! Nein, das ist unmöglich. Unv doch, wie gerne möchte ich die Erwählte seines Herzens kennen lernen! Aber lieber will ich einsam sterben, ehe ich im hohen Alter in eine Stadt ziehe, deren Sprache und Sitten ich nicht kenne. — Ob er wohl schon verheirathet ist? Gewiß, der Brief ist ja vom Monat Adar. Vielleicht wird er bald seinem Briefe folgen. Das wird einen harten Kampf kosten, wenn ich ihm sage, daß ich nicht mit ihm reise!" Da öffnete sich die Thüre und eia schöner, stattlicher Mann trat ein. „Mein Salomo!" rief die Alte. „„Meine Mutter!"" Und sie lagen sich in den Armen, und die Mutter konnte nicht satt werden, den Sohn zu betrachten und den Langentbehrten in die Arme zu schließen. „Bist Du schon verheirathet?" fragte sie endlich, „„Ich bin verheirathet."" „So empfange meinen heißesten Glückwunsch; aber mit Dir ziehe ich nicht in die ferne Stadt, so sehr ich mich auch sehne, die Schwiegertochter kennen zu lernen." „„Ist auch gar nicht nöthig, liebe Mutter! Ich werde sie Drr gleich zuführen."" Er eilte davon; erstaunt blickte die Mutter ihm nach. Bald kehrte er zurück, Esther an der Hand führend. Esther wollte die Schwiegermutter nmarmen. Diese aber stand wie erstarrt. „Sohn," sprach sie endlich, „ist das wirklich Deine Frau, ist das nicht ein Engel, herniedergestiegen aus himmlischen Höhen? Das ist eine Schönheit, für die ein Kaiserthron zu gering wäre!" Und sie wollte demüthig der jungen Dame die Hand küssen. Diese aber schloß die Matrone in ihre Arme. „Du hast Recht, Mutter," sagte Rabbi Salomo, „meine Esther hat in der That einen Kaiserthron verschmäht." Dann eilte er dovon, um auch den Vater und den Oheim herbeizuholen. * * ♦ Wir sind jetzt mit unserer Geschichte zu Ende und wollen nur noch Weniges hinzufügen. Rabbi Salomo legte, nach Deutschland zurückgekehrt, den Namen „Aschkenasi", daist „der Deutsche", ab. Er blieb in Oettingen, solange seine Mutter lebte; dann zog er mit den Seinen nach Prag, wo seine ärztliche Kunst sich bald hohe Achtung gewann. Esthers Schönheit erregte noch Aufsehen,' als sie schon in Jabren vorgerückt war. Sie erreichte an der Seite ihres Gatten ein hohes und glückliches Alter, umgeben von zahlreichen Kindern und Enkeln. Der Chacham von Salonichi und sein Bruder erlebten noch die Uebersiedelung nach Prag, wo sie im Kreise der dortigen Gelehrten noch einige frohe Jahre verlebten. Als Rabbi Amram Mordechai starb, folgte ihm sein Bruder Don Rüben noch in derselben Woche in's jensseitige Leben. Sultan Mahomed III. hat den Verlust der geliebten Esther nie verschmerzen können. Der Sultan huldigte all den Lastern nicht, welche sonst die türkischen Herrscher in das früh- Grab zu bringen pflegen. Er war weder dem Trünke ergeben wie sein Großvater Selim, noch dem Opium wie sein Vater Murad, noch den Ausschweifungen deS Harems. Dennoch starb er im noch jugendlichen Alter. Er hinterließ zwei Söhne, Achmed und Mustapha. Als er seinen Tod herannahen fühlte, ließ er den Thronfolger Achmed schwören, daß er seine Hand nicht mit Brudermord beflecke. Achmed, erst vierzehn Jahre alt. als er den Thron bestieg, hielt seinen Schwur. Es ist dies der einzige Fall in den Jahrhunderten der Geschichte des Osmanischen Reichs, daß außer dem Thronfolger ein Sohn den Sultan überlebte, bis in unserer Zeit das Reichsgesetz des Brudermordes abgeschafft wurde. Die Geschichte hat dem Sultan Mohamed III. den Beinamen „Adli", d. i „der Gerechte", gegeben. Daß er nicht so grausam und ungerecht wie die Mehrzahl seiner Vorfahren und Nachfolger war, das hatte der nur kurze Zeit währende Verkehr mit Esther Chiera bewerkstelligt. Die letzten Worte des Sultans waren: ,,O, Esther, Esther, was hätte aus mir werden können, wenn ich Dich nicht hätte verlieren müssen!" Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).