Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1878)
- Date
- 1878-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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433 Esther Chiera, in Begleitung ihres Vaters und Oheims und eines Arztes, NamenS Salomon Aschkenasi, entflohen. Wie der „Hohen Pforte" berichtet worden, haben sich die Flüchtigen hierhergewandt. Da seiner Majestät, meinem erhabenen Herrn, sehr viel daran liegt, die Sclavin wieder in seinem Besitze zu haben, so ersucht er die Signora der berühmten und erhabenen Republik Venedig , ihm diese flüchtigen Unterthanen auszuliefern." „„Signor Paulosagte der Doge zu dem anwesenden Polizeimeister der Republik, „„wißt Ihr, ob die Gesuchten sich in Venedig befinden?"" „Nach den Namen zu urtheilen," antwortete der Polizeimeister, „sind die Verfolgten Juden." „„Sie sind's!"" sprach der Gesandte. „Ueber die fremden Juden," sagte der Polizeimeister, „führt die jüdische Gemeinde das Register; ich werde mich bei den Vorstehern derselben erkundigen." „„Es ist unnöthig! " nahm der Doge das Wort. „„Nach den Gesetzen dieser ruhmreichen Republik darf Niemand, fei er Einheimischer oder Fremder, der sich auf ihrem Territorium befindet, einer fremden Macht ausgeliefert werden. Wenn er sich gegen die Gesetze der Republik verfehlen sollte, so würde er hier seine Strafe zu erwarten haben. Ein flüchtiger Sclave ist von dem Augenblick an frei, da er den Boden der Republik betritt." „Eure Durchlaucht verzeihen," entgegnete der Gesandte, „ich glaube, die Republik dürfte sich veranlaßt sehen, dieses Mal von dem Herkommen abzuweichen. Ick bin beauftragt, der Republik den Krieg zu erklären, wenn die Auslieferung der Esther Chiera und ihrer Begleiter verweigert werden sollte." Bei diesen Worten des Gesandten erschraken alle Großen der Republik; Venedig, im Kriege gegen Spanien begriffen, durfte nicht neue Feinde gegen sich rufen. „Wir erörtern da Verhältnisse, die noch ganz gegenstandslos sind," sagte der Polizcimeister; „vor allen Dingen will ich eruiren, ob die Gesuchten sich in Venedig befinden; sollten sie hier sein, so wird es eine Form geben, unter welcher wir dem Verlangen der „Hohen Pforte"' gerecht werden können." Der Doge nickte zustimmend; der Gesandte verneigte sich; die Audienz war zu Ende. Als Astrachan Bey sich mit seinem Gefolge entfernt hatte, flüsterte Signor Paulo dem Dogen zu: „Eure Durchlaucht können beruhigt sein; ich werde die Sache zum guten Ende führen, ohne der Republik etwas zu vergeben." Er begab sich in seinen Palast und ließ de« Rabbiner von Venedig, den berühmten Gelehrten und Dichter, Rabbi Jehuda Arjeh de Modena, zu sich rufen. „Signor Rabbino," sagte er, als Rabbi Jehuda Arjeh zu ihm in sein Privatgemach getreten war, „der berühmte Arzt und Staatsmann, Salomo» Aschkenasi von Conftantinopel, weilt seit einiger Zeit unter fremdem Namen hier." „..Eure Excellenz wissen . . . „Die Polizei von Venedig weiß Alles, und es ist nichts, was ihrem Argus - Auge verborgen bliebe." Der Polizeimeister schlug ein Buch auf. „Euer Freund," sagte er, „nennt sich David Zorphati, und seine junge Gattin — Ihr selbst habt die Trauung vollzogen — verleugnet ihren Namen, Esther Chiera, und nennt sich Regina Molcho; auch ihr Vater und ihr Oheim sind bei ihnen." „ „Eure Excellenz sind so gut unterrichtet, daß es thöricht wäre, widersprechen zu wollen."" „Nun wohl, Signor Rabbino, Ihr seid ein kluger und zuverlässiger Mann. Sagt Eurem Freunde und den Seinen, daß sie augenblicklich, heute noch, von hier entfliehen. Ihr Leben schwebt sonst in Gefahr." „ „Darf ich ihnen mittheilen, von welcher Art die Gefahr ist, die sie bedroht^?"" „Ihr werdet ihnen nicht mittheilen, was Ihr selbst nicht wißt, und auch nicht erfahren sollt. Ihr seid entlassen." Als Rabbi Jehuda Arjeh in das Ghetto zurückkehrte, hörte er die Leute von der außerordentlichen türkischen Gesandtschaft reden. Jetzt wußte er, welche Gefahren seine Freunde bedrohten. Am andern Tage erhielt der türkische Gesandte die Nachricht, daß sich zwar eine jüdische Familie in Venedig aufgehalten, von der man vermuthen könne, daß es die Gesuchten seien, daß diese aber Venedig verlassen Härten und Niemand wisse, wohin sie gezogen. XIX. In dem Städtchen Oettingen im Ries — damals gehörte es dem Grafen von Wallerstein- Oettingen, jetzt ist es bayrisch — saß eine alte Frau und las' einen langen Brief wieder und wieder. Bei der damaligen schwierigen und langsamen Postbeförderung war es nicht zu verwundern, daß der Brief schon fast ein halbes Jahr alt war; denn er war weit hergekommen. „Nein," sagte die alte Frau, als sie den Brief zum dritten Male gelesen hatte, „nein, lieber Sohn,