Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XIX. Ihargang. Zweite Leilage zu Ar. 16 & 17 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, den 8. April. Als elfter Fall der diesmaligen Assifen-Gession kam heute die Anklage wegen Mordes, Mordversuches und Raubversuches gegen den Küfer Müller und den Adjuncten Göttelmann, beide aus Uffhofen, zur Verhandlung. Der ledige, in guten Vermögensverhältniffen lebende Handelsmann Sigismund Kapp bewohnte ein in einer der belebtesten Straßen Flonheims gelegenes einstückiges Wohnhäuschen gemeinsam mit einer bereits seit sechszehn Jahren in seinen Diensten stehenden Anverwandten, der 32jährigen Regina Decker, welche ihm die Haushaltung führte. Am Abende des 29. Januar d. I. gleich nach 9 Uhr ging die Wittwe Blei in Flonheim in Begleitung ihres Kindes an drm Kapp'schen Wohuhause vorbei. als sie in demselben eigentümliche Töne vernahm. Näher tretend hörte sie deutlich im Hausgange ein Jammern und Stöhnen und im Zimmer Töne eines Menschen, wie solche ausgestoßen werden, wenn Jemand unter einer schweren Last erdrückt wird. In ihrem Schrecken eilte Frau Blei in eine gegenüber liegende Wirthschaft und rief um Hilfe; der Wirth und die anwesenden zwei Gäste eilten aus die Straße, wo sie die Wahrnehmungen der Blei bestätigt fanden. Thüre und Läden am Kapp'schen Haufe waren verschlossen. Man schlug mit Gewalt an einen Fensterladen, so daß er auffuhr und als auf die Frage nach Kapp keine Antwort erfolgte, wurde die Thür gewaltsam eingedrückt nnd geöffnet. Im Innern war alles dunkel. Der eine der Männer versuchte, ein Streichhölzchen anzuzünden. In demselben Augenblick sprang ein Mann, welcher offenbar hinter der Thüre gewartet hatte, in gebückter Stellung durch die Thüre auf die Straße. Dort stürzte der Unbekannte auf die Knie, raffte sich jedoch rasch wieder auf und ergriff schleunigst die Flucht dem Uffhofener Pfade zu. Man setzte ihm nach, es war jedoch trotz des angestrengtesten Laufes nicht möglich, ihn einzuholen, worauf man nach dem Kapp'schen Wohnhause zurückkehrte. Dort hatten sich inzwischen schon andere Personen angesammelt. Den in das Innere des Hauses Eintretenden bot sich ein gräßlicher Anblick dar. Der ganze Hausgang war über und über mit Blut bedeckt. Im hinteren Theile desselben lag die Haushälterin des Kapp, die Regina Decker, mit ausgestreckten Armen, das Gesicht zur Erde gewandt, mit Blut bedeckt. Als man sie in die Höhe hob, schöpfte sie, wie es schien, zum letzenmale Athem. An der rechten Seite ihres Halses gewahrte man eine große klaffende Wunde. Das Mädchen war todt. Während man noch im Hausgange mit der Decker beschäftigt war, trat Sigismund Kapp verstört und bestürzt und ebenfalls mit Blut befleckt aus dem Zimmer. Er entwarf, nachdem er etwas zu sich gekommen war, den Anwesenden von dem gräßlichen Ueberfalle, aus dem er nur wie durch ein Wunder sein Leben gerettet, ungefähr folgende Schilderung: Es war gegen 8 Uhr, als ich nach Hause kam. Ich selbst verschloß die Hausthüre und legte mich bald zu Bett. Ich mochte wohl eine Stunde geschlafen haben, als meine Haushälterin, welche bis dahin im Wohnzimmer gesponnen hatte, mich mit dem Bemerken weckte, der Philipp Göttelmann von Uffhofen sei da. Ich stand auf, trat in's Wohnzimmer und fragte denselben, was er so spät bringe, worauf dieser jagte, in 14 Tagen bekomme Kapp sein Geld für die Aecker. Jetzt trat auch der Angeklagte Müller in das Zimmer, der auf Befragen erklärte, er wolle Zinsen bezahlen. Müller legte einen Thaler und eine Mark auf den Tisch und Göttelmann fügte dann als Rest noch einen Thaler zu. Göttelmann setzte sich alsdann auf die Bank dicht neben die Thür, als ob er verhindern wollte, daß sich Jemand aus dem Zimmer entferne. Ich hatte mich indessen niedergesetzt, um die Quittung zu schreiben, während die Regina Decker vor dem Tische saß und ruhig fortspann. Während ich im Begriffe stand zu schreiben, packte mich Müller am Halse, würgte mich derart, daß mir das Blut zu den Augen, dem Munde und der Nase herausquoll und warf mich mit dem Sessel rücklings zu Boden, so daß ich weitere Wahrnehmungen nicht mehr machen konnte. In welcher Weife und vom wem die Decker jetzt überfallen wurde, konnte ich nicht mehr sehen, da auch der Tisch und die daraufstehende Lampe umgeworfen worden waren. Kapp ist der Ueberzeugung,