Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, doch auch weinen hatte ihn keiner gesehen, mochte sein Lehrer ihn auch durch die rührendsten Legenden oder durch den salbungsvollsten Sermon zu erschüttern suchen. Doch in stiller Nacht, wenn er allein und oft schlaflos in seinem Bette sich walzte, dann ' schien die EiSrinde zu brechen, die sich um das Herz des Kindes gelegt', dann konnte er Stunden lang weinen und schluchzen und die Mutter fand oft am Morgen das Kopfkissen noch naß von den in der Nacht vergossenen Thränen. Es war am Morgen; der Kleine befand sich im Frühstückszimmer, während die Mutter zur Kapelle gewandert war, ihre Morgenandacht zu verrichten. Sie hatte am vorhergehenden Tage einige herrliche Gypsbüsten gekauft, die der Knabe eben am Kamin betrachtete. - Plötzlich schien eine Erinnerung in ihm zu erwachen und ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Toilette seiner Mutter, ergriff eine dort sich befindliche Nagelfeile und brachte mit derselben den Gesichtern sämmtlicher Büsten eine kleine Verletzung bei. Er war so vertieft in dieser Beschäftigung, daß er das Oeffnen der Thüre nicht vernommen und nicht gewahrte, daß die Mutter eingetreten war. „Um des Himmelswillen, Hugo! was machst Du da?" Der Knabe schaute finster zu ihr hinüber. „Man darf keine solche Figuren um sich haben, ich habe es gelernt." „£>, meine schönen, schönen Büsten! — sämmtlich verdorben! — Unglückseliges Kind! willst Du denn immer noch nicht einsehen, daß Alles, was Du früher gelernt hast, Unsinn ist?" „Das ist nicht wahr!" schrie der Kleine aufspringend und sie mit zornfunkelnden Augen betrachtend, „was ich bei Großpapa gelernt habe, das hat Gott gesagt; aber was der Hochwürden mich lehren will, das ist Unsinn, lauter dummes Zeug!" „Halt ein, Kind!" rief der Priester, der so eben in's Zimmer getreten war, und die letzten Worte des Knaben vernommen hatte. „Halt ein! Du frevelst, und Gott wird Deinen Frevel strafen!" „Ihr Gott?" höhnte der Knabe, „welcher denn, der da drüben in Ihrem Zimmer an der Wand hängt. oder der da oben auf dem Klosterberg steht? — Hu! ich fürchte mich!" und hohnlachend rannte er fort. „Unglückseliges Kind", seufzte der Priester und wandte die Augen himmelwärts, „wann wird der Glaube endlich Dein verstocktes Herz erleuchten?" „Haben Sie Geduld, Hochwürden", bat Emma, „Rom ist nicht in Einem Tage erbaut worden und nicht mit einem Mal vermag die schwache Seele eines zarten Kindes die erhabenen Glaubenslehren zu erfassen." Doch der Geistliche schüttelte ernst das Haupt. „Sie sind zu nachsichtig, gnädige Frau, und haben mir von Anfang an Nachsicht zu sehr zur Pflicht gemacht. Längst hätten Sie meinem Rathe folgen und den Knaben dem Jesuiten - Collegium in I.... übergeben sollen; die heiligen Väter dort hätten ihm den Antichrist längst ausgetrieben." „Ich denke ja auch gar nicht daran, Ihren Rath nicht zu befolgen, H^chwürden", beschwichtigte Emma, „aber Sie wissen, ich habe Jahre hindurch meine Kinder entbehren müssen, und dadurch ist ihr Herz mir entfremdet worden. Nun es mir aber endlich gelungen ist, eines zu erlangen, nun muß ich mir zuvor sein Herz zurück erobern, ehe ich es wieder von mir lasse. Mit Gottes Hilfe wird mir nun das bald gelingen und dann gelobe ich, sofort Ihrem Rathe zu folgen." Der Priester murmelte unwillig einige »Dber» ständliche Worte vor sich hin. „Aber Hochwürden", unterbrach ihn Emma, „ich begreife Ihre Eile durchaus nicht. Unter Ihrer ausgezeichneten Leitung entbehrt mein Kind des besten Institutes nicht." ' „Unter meiner ausgezeichneten Leitung" wiederholte zornig der Geistliche „gnädige Frau, wollen Sie meiner spotten? oder haben Sie mir etwa freie Hand bei Erziehung Ihres Sohnes gelassen? Haben Sie wir nicht ausdrücklich verboten, für seine Frechheiten und für seine Verstocktheit ihn anders als durch Worte zu strafen?" „Allerdings habe ich dasversetzte Emma sehr ernst, „aber Hochwürden vergessen, Laß Ihr Vorgesetzter, der hochwürdige Prior von St... in dieser Beziehung ganz meine Ansicht theilt. Wohl läßt sich der Glaube erzwingen, schrieb er mir; aber nimmer durch Gewalt, nur durch Sanftheit, Liebe und Milde. Und darum bitte ich Sie nochmals, Hochwürden, haben Sie Geduld und Nachsicht mit meinem Kinde." Der Geistliche versprach es und begab sich in's Uvterrichtszimmer. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hosbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).