Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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-■t-vrf 403 und gegen Ende der Woche kam Weigert selbst und theilte ihm mit, daß er gar nichts erfahren, da seine Tochter schon seit mehreren Wochen ihren bisherigen Aufenthaltsort verlassen. Nun aber duldete es den alten Grün nicht mehr daheim; er machte sich selbst auf, seinen Enkel zu suchen und wollte nicht ruhen noch rasten, bis er ihn gefunden. Die kleine Selma der Obhut der treuen Susanne überlassend, die er eidlich verpflichtete, das Kind weder bei Tag noch bei Nacht auch nur für eine Minute außer Augen zu lassen, reiste er ab, ohne zu bedenken, daß sein Geschäft unter der Aufsicht junger unzuverlässiger Leute. Doch wie konnte er jetzt an Geschäfte denken, wo es sich um sein Kind, um seinen Hugo handelte. Er wandte sich zunächst ebenfalls nach Innsbruck, um dort wenigstens Nachricht über den muthmaßlichen Aufenthaltsort seiner ehemaligen Schwiegertochter zu erlangen, so wie Auskunft über die Personen, mit denen sie bisher Umgang gepflogen. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen; er vernahm, daß sie viel mit Geistlichen verkehrt und sein Schmerz wuchs bis zur Verzweiflung, wenn er erwog, was die unglückselige Frau gegen ihr Kind zu unternehmen wohl im Stande. Er gönnte sich wed^r Ruhe noch Rast, durchstreifte das ganze Kronland, jedes Dorf und die Umgebung eines jeden Klosters; denn er wähnte immer, der Kleine müsse in einem Kloster verborgen gehalten werden. Doch Monate verstrichen und er hatte noch immer keine Spur von dem Kinde. XXXIII. Der Winter war vorüber, in Glanz und Pracht war der Frühling eingezogen. Die eigentliche Saison für Touristen war zwar noch nicht eingetreten, doch einzelne der reizenden Villen an dem malerischen User des Z .... Sees waren bereits bewohnt, eine derselben sogar schon seit Monaten. Sie war dem Benedickinerkloster, das dort auf hohem Felsen sich erhob, zunächst gelegen und wohl auch aus diesem Grunde von der allem Anscheine nach bigotten Inwohnerin bevorzugt worden. Es war eine noch ziemlich junge Dame, ungefähr in der zweiten Hälfte der Zwanziger stehend, mit einem Knaben von nahezu acht Jahren. Sie waren in einer Winternacht in Begleitnng eines geistlichen Herrn, vermuthlich des Hofmeisters des Kleinen, angelangt, hatten nur wenige Tage im Hotel logirt und dann die oben bezeichnte Villa bezogen. Die Dame hatte keine Dienerschaft mitgebracht, sondern ihre Leute erst in der Stadt, auf Empfehlungen des Hoteliers gemiethet. Sie machte kein großes Haus aus, verkehrte wenig mit den Städtern und den Bewohnern der umliegenden Villen, schien sich jedoch nicht gradezu principiell abzuschließen. Der Knabe aber hatte gar keinen Verkehr mit Altersgenossen und daher kam auch wohl der trübe Ernst, der diesem zarten Alter so selten eigen. Es war ein blühend schöner, blondlockiger Knabe mit großen, blauen Augen. Poch aus' diesen Augen strahlte ein düsterer Ernst und um den feinen, schön geformten Mund lag ein Zug von Schmerz und Trotz. Es war aber auch ein seltsam trotziger Knabe, der die zärtliche Liebe, die seine Mutter für ihn zur Schau trug, wenig zu erwiedern schien und den Unterricht, den ihm sein frommer Lehrer ertheilte, mit ungebührlicher Nachlässigkeit entgegen nahm. Einige Spaziergänger waren sogar vor Kurzem Zeugen einer Scene geworden, die Alles zu bestätigen schien, Was die Dienstboten von dem unbändigen Charakter des Knaben erzählten. Die Dame hatte mit dem Kinde an der Hand einen Spaziergang unternommen, an des Knaben anderer Seite schritt sein Lehrer. Sie kamen an der Statue eines Heiligen vorüber, der Geistliche entblößte sein Haupt und schien auch seinen Schüler aufzusordern, es zu thun; doch dieser, in gewohnter Unfolgsamkeit, nahm keine Notiz von seinen Worten. Da lüftete der Lehrer selbst die Kopfbedeckung des Kindes und gab sie diesem in die Hand. Doch zornentbrannt ergriff der Knabe den Hut und schleuderte ihn der Statue in*s Angesicht. Was kümmerte es ihn, daß der Geistliche darob wüthete und Höllenstrafen ob seines verstockten Sinnes ihm in Aussicht stellte; er lachte höhnisch. Die fromme Mutter und sein Lehrer, sie mußten beide Engelsgeduld mit dem Störrigen haben, selbst an den höchsten Feiertagen waren sie nicht' im Stande, ihn zum Kirchenbesuch zu bewegen. Und von einer Trägheit war der Knabe, wie man sie seinem Feuerauge nimmer zugetraut; an manchen Tagen war er nicht zu bewegen, auch nur drei Worte uiederzuschreiben. Und welch' ein großes Leckermaul war der kleine Bursch , nichts anderes als Obst und Vackwerk wollte er genießen, und da die zärtlich besorgte Mutter ihn doch auch durch Fleischspeisen zu kräftigen wünschte, so mußte die Köchin ihre ganze Kunstfertigkeit aufbieten, um Fleischspeisen zu bereiten, die der Kleine nicht als solche erkannte. Und für alle diese liebevolle Aufmerksamkeit hatte er keinen Dank, nicht einmal ein freundliches Lächeln. Keiner von den Dienstboten erinnerte sich, den Knaben je fröhlich lachen gesehen zu