Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447764--14843-2470768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
404 „Kommen Sie morgen in meine Wohnung, Wallstraße Nr. 10." „Und dorthin soll ich Sie jetzt auch fahren?" fiel der Droschkenführer ein. Grün drückte die zitternde Hand an seine fahle Stirn, er wollte überlegen, was nun beginnen — Mitternacht war nahe; trotzdem konnte er sich noch nicht entschließen, seine Nachforschungen zu unterbrechen. Er nannte Straße und Hausnummer des Bankier Weigert und gebot dem Kutscher ihn dorthin zu fahren. Kopfschüttelnd gehorchte dieser. Mitternacht war längst vorüber als er an Weigerts Wohnung die Glocke zog. Es war kein Leichtes, um diese Stunde zu dem Bankier Zutritt zu erlangen; doch der verzweifelnde Greis wußte alle Hindernisse zu beseitigen. Er wird in des Bankiers Arbeitszimmer geführt und kaum zehn Minuten darauf erschien dieser selbst im Schlafrock und in Pantoffeln. Er hatte bereits geschlafen, war aber auf Grün's dringendes Verlangen geweckt worden. Verstört und erregt trat er in sein Zimmer. Die beiden alten Leute hatten einander seit Jahren nicht gesehen, seit dem Tage, an dem ihre Kinder von einander geschieden. — Weigert hatte es nie verwinden können, daß feine Tochter es war, die Schuld an der Auflösung ihrer Ehe trug. Er hatte daher auch nie aufgehört, die Familie, in der seine Enkel lebten, zu achten; aber der frühere freundschaftliche Verkehr war doch nicht fortgesetzt worden. „Verzeihung, Herr Weigert", rief Grün, dem Eintretenden entgegeneilend, „Verzeihung, daß ich Sie zu so ungehöriger Stunde störe, aber Hugo ist entführt worden! —" „Gerechter Gott!" schrie Weigert erbleichend, er mußte sich an dem Tisch halten, um nicht zu sinken, „und wer hat das Kind geraubt? wer?" Mit fliegendem Athem berichtete Grün, was er von dem Lampenanzünder erfahren hatte. ..Aber, warum sind Sie nicht sogleich zur Polizei geeilt? warum kommen Sie zuerst zu mir?" „Um Mitternacht hätte ich schwerlich Zutritt zur Polizei erlangt und außerdem dachte ich mir, daß vielleicht Ihre Intervention, Herr Weigert, hier mehr nützen könne, als die der Polizei." „Meine Intervention? gerechter Gott, wo könnte ich da interveniren? — oder hätten Sie vielleicht eine Vermuthung?" „Und Sie errathen meine Vermuthung nicht?" „So wahr mir Gott helfe, Herr Grün, ich verstehe Sie nicht, erklären Sie sich deutlicher." Grün theilte ihm nun mit, daß bereits zweimal der Versuch gemacht worden, seine Enkel zu entführen; das erste Mal hatten die Kinder selbst ihre Mutter erkannt, und daß »sie auch bei dem zweiten Versuch die Hand im Spiel gehabt, daran hatte Grün nie gezweifelt und auch jetzt war er überzeugt, daß Niemand anders als sie das Kind geraubt. Weigert war wie erstarrt bei diesen Mittheilungen, er hatte von dem Allem keine Ahnung gehabt. „Sie könnten sich dennoch irren," sprach er endlich, „meine Tochter ist seit nahezu einem Jahre nicht hier; sie lebt in Innsbruck." Grün schüttelte den Kopf. „Und wenn sie auch persönlich nicht gegenwärtig sein sollte, Urheberin war sie sicher. Sagen Sie mir um Gotteswillen, Herr Weigert, wer könnte denn sonst ein Interesse daran haben, das Kind zu entführen?" „Sie haben Recht", murmelte der Bankier. „Ihre Vermuthung wird begründet sein" und er bebte bei dem Gedanken, den Namen seiner Tochter abermals in einer so unlautern Affaire verwickelt zu sehen. „Kommen Sie," drängte Grün, „das Kind steht Ihnen so nahe, wie mir, wir müssen es um jeden Preis zurückerlangen, lassen Sie uns gemeinschafllich handeln." Sie überlegten, bis der Morgen graute und bald darauf eilte Grün auf die Polizei, die Entführung seines Enkels zur Anzeige zu bringen, während Weigert Vorbereitungen traf, um noch mit dem Frühzug nach Innsbruck zu fahren und dort persönlich seine Tochter zur Herausgabe des Kindes zu bewegen, denn auch er zweifelte nicht mehr, daß es in ihren Händen. Grün hatte inzwischen polizeiliche Depeschen nach allen Gegenden der Windrose veranlaßt, das geraubte Kind mit feinem Begleiter, wo man sie treffen würde, aufzuhalten. Der Lampenanzünder war gerichtlich vernommen worden, er hatte den Herrn, der den Knaben in den Wagen getragen, für dessen Lehrer gehalten und hatte eine möglichst genaue Beschreibung von ihm gegeben; denn Grün hatte diesen einzigen Zeugen der That reichlich belohnt und noch reichern Lohn Demjenigen verheißen , der in irgend welcher Weise zur Wiederlangung seines Enkels ihm behilflich sein würden Mit fieberhafter Spannung sah er Mittheilungen von Weigert entgegen, denn dieser hatte ihm Drahtnachricht verheißen, sobald er auch nur eine Spur von dem Kinde entdecken werde. Doch Tag um Tag verstrich ohne Nachricht