Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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405 „Aber warten Sie, gnädiger Herr", unterbrach er plötzlich sich selbst, „hat der Knabe, den Sie suchen, vielleicht eine schwarze Sammtblouse angehabt und ein blaues Bindchen und einen blonden Krauskopf?" „Freilich — freilich — aber woher wissen Sie?" „Dann habe ich ihn gesehen, gnädiger Herr, bei Gott! ich habe ihn gesehen." „Aber, wo? — wo? — um Gotteswillen reden Sie —" „Lassen Sie mich die Sache nur eine Minute überlegen", und er rieb sich mit seinen rußigen' Händen die fette Stirne. „Wenn Du Dir ein paar Seidel Bier da herausreiben thätest, wär's gescheitster", lachte der Droschkenführer. Der Lampenanzünder warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Halt's Maul, Du!^ dann wandte er sich an den zitternden Greis, der in athemloser Erregung des Berichtes harrte, den er zu erhalten hoffte. „Aber sagen Sie mir doch, gnädiger Herr, wohnen Sie denn wirklich da in der nämlichen Straße?" „Freilich, freilich, aber reden Sie doch schon einmal, ich werde Ihre Auskunft reichlich lohnen." „Na — das ist aber doch kurios - zu kurios muß ich sagen." , „Aber in des Teufels Namen, so sag' doch schon, was Du weißt; Du siehst doch der Herr kommt um, wenn Du ihn so lange zappeln lässest." „Da fei Gott vor, gnädiger Herr, da will ich mich doch lieber sputen und Ihnen Alles haarklein erzählen." „Aber so fang doch schon einmal an." „Du halt's Maul, ich habe es nur mit dem gnädigen Herrn zu thun. — Also schauen Sie, gnädiger Herr, als ich da gegen Abend in Ihrer Gasse bin und die Lampen anzünde, steht da mitten in der Gasse ein Kameel und auf dem Kameel ist ein Affe und der Affe hat 'ne Trommel. * „Schwere Noth Kerl! wie oft willst Du das dem Herrn noch erzählen?" „Schweig' Du Lump, mit Dir Hab' ich nix zu reden." „Lassen Sie ihn", flüsterte Grün, „ich werde sonst gar nichts erfahren. Sagen Sie mir, waS Sie von dem Knaben wissen", wandte er sich dann bittend an den Lampenanzünder. „Längst wüßten's schon gnädiger Herr, wenn der da mir nicht immer drein reden thät'. — Alsdann nu wo bin ich denngeblieben?" Er rieb sich die Stirn, es ward ihm nicht leicht, sich zu besinnen; das reichlich genoffene Bier! hatte ihm den Kopf doch etwas schwer gemacht. , Der Droschkenführer wollte einfallen, Grün winkte ihm abwehrend. „Sie haben mir berichtet, daß Sie, als Sie in der Nähe meiner Wohnung die Lampen angezündet, ein Kameel mit einem Affen gesehen haben, und vermuthlich eine Kinderschaar daneben." »Ja, ja ganz recht, der gnä' Herr haben sich'S gut gemerkt und der Affe hat getrommelt." „Und wo haben Sie meinen Knaben gesehen?" Grün wußte sich in verzehrender Ungeduld kaum fassen. „Ihren Knaben, gnädiger Herr — den jungen Herrn in der Sammtblouse, in der blauen Binde." „Ja, ja denselben." »Ein feiner junger Herr gnä' —" „Ist er auch bei dem Kameel gestanden?" „Freilich ist er dabei gestanden und hat den Affen angeschaut und hat gelacht und — ja nun weiß ich's schon — mit einem Mal fällt mir Alles wieder ein." Grün preßte die Hand auf's Herz, er wollte den schwerfälligen Mann, der allmählich seine Erinnerungen zu sammeln schien, nicht unterbrechen, aber er war kaum im Stande zu athmen. „Ja, ja, jetzt weiß ich schon Alles —" hob der Lampenanzünder von Neuem an. „Schauen's gnä' Herr, unweit von dem Kameel, grad am Eck von der Gaffe ist ein Fiaker gestanden, und mit einem Mal kommt aus dem Fiaker ein Herr herauszuspringen und läuft zu dem jungen Herrn und schreit: Hugo! Hugo! wo bleibst Du denn? wir können nicht so lange warten. Der junge Herr hat sich umgeschaut, ist aber stehen geblieben, da hat ihn der Herr auf den Arm genommen; der junge Herr hat geschrieen, i hob mir denkt, er hot sich die Viecher noch anschaun g'wollt, aber der Herr hat's nicht erlaubt. Zu dem Fiaker ist er gerannt, hineingesprungen ist er, der Kutscher knallt mit der Peitschen und wie der Wind sind die Pferde davon gerennt. — So gnädiger Herr, jetzt wiffen's Alles, was ich weiß," und dabei hielt er seine Hand hin, die versprochene Belohnung in Empfang zu nehmen. Der alte Grün war im ersten Moment wie betäubt — so war es also geschehen, das Entsetzlichste , was er gefürchtet — das Kind war entführt, und wer der Urheber dieser Entführung, darüber konnte er nicht im Zweifel sein. Kein Anderer als die Mutter konnte dieses Attentat gegen ihr Kind vollführt haben. Der Lampenanzünder wartete noch immer auf sein Trinkgeld, mechanisch griff Grün in die Tasche, doch er zog die Hand wieder leer heraus; es war ja Sabbat gewesen, er hatte noch kein Geld berührt.