Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447764--14836-2470761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ruhen und rasten, bis er sie wieder erlangt haben wird." „Da sei Gott vor", sprach Esther schaudernd. Rabbi Amram Mordechai aber erhob seine Hände gen Himmel und betete: „Allbarmherziger Gott! Laß setzt ein Ende sein unserer Qualen und Schmerzen. Erbarme Dich unser und laß uns den Hafen des Friedens erreichen!" XVII. Als im Palaste wieder Alles ruhig geworden, kamen die Diener der Sultanin Valide, um den Großherrn aus seinem unfreiwilligen Aufenthalte zu befreien. Der Schlüssel war nicht zu finden; man mußte einen Schlosser holen, um das Schloß zu erbrechen. Mohammed verließ das Gemach seiner Mutter ohne diese eines Blickes zu würdigen. Er begab sich nach dem Audienzsaale! das Erste, was er erblickte, war die Leiche seines MilchbruderS, des Oberstkämmerers Sadik. Der Sultan warf sich über dieselbe und schrie: „O, mein Bruder, bist Du für mich gestorben! Ich werde an deinen > Mördern blutige Rache nehmen!" — Dann sah er die Glieder eines weiblichen Leichnams umherliegen; schaudernd wandte er sich ab. „Sinan soll kommen!" befahl der Sultan. Nach Verlauf einer Viertel-Stunde erschien der Gerufene; er fand den Sultan in seinem Gemache. „Sinan!" rief der Padischa, „Du bist der Einzige, der es gut mit mir gemeint hat. Du hast das herrlichste Geschöpf der Welt entdeckt und für mich bestimmt. Ja, diese Feiglinge haben sie ermordet, ein Weib, das seines Gleichen nicht hat auf Erden! Ich werde die Aermste rächen, ich verlange die Köpfe der Mörder und derer, die es haben geschehen lassen. Ich ernenne Dich zum Großwesir, Sinan! Sende dem schurkischen Ferhad, der solches hat geschehen lassen, die seidene Schnur und nimm Dir das Reichsstgel. Hernach ordne eine strenge Untersuchung an und lasse Jeden tödteu, der den schändlichen Mord hat geschehen lassen, mit Ausnahme." Es wurde dem Sultan schwer, den Satz zu vollenden. „Mit Ausnahme meiner Mutter," preßte er hervor. Sinan verneigte sich und ging. Aber Ferhad hatte durch seine Kundschafter bereits erfahren, daß Sinan zum Großherrn gegerufen sei. Wohl wissend, daß das für ihn Absetzung oder gar Tod bedeuten würde, war er sofort aus Constantinopel entflohen; seine Schätze hatte er mit sich geführt und eine Truppe ihm treuergebener Janitscharen. An der Spitze der syrischen Truppen zog Sinan aus, um seinen langjährigen Feind zu bekriegen. Er holte ihn ein, als er gerade fein Schloß Litrof, in der Nähe von Constantinopel, in BertheidigungSzustand setzte. Mit den Worten: „Sein Kopf gehört mir, seine Schätze auch!" feuerte Sinan die Soldaten an. Schloß Litrof wurde erstürmt, Ferhads Janitscharen niedergemacht. er selbst in die sieben Thürme nach Constantiuopel g-fchleppt, wo er bald darauf erwürgt wurde. Auch über die Sipahi'S wurde strenges Gericht gehalten; 65 Sipahi'S, denen nachgewiesen wurde, daß sie am Aufstande sich betheiligt hatten, wurden enthauptet; ihre Köpfe ließ der Sultan an den Thoren auf Spieße stellen. Der Schuster Omer wurde auf das Rad geflochten. Immer größere Ausdehnung nahm die Rache des Sultans. Die Wächter des Palastes, welche die Sipahi'S hatten eindringen lass-n, wurden zum Tode verurtheilt und das Urtheil an ihnen vollstreckt. Auch an den Großen des Reichs, die den Aufstand nicht gehindert hatten, nahm Mohammed furchtbare Rache. Der Kadiasker Baki und der Wesir Dscherrah wurden erwürgt; der Kaimakam Ibrahim, ein Schwager des Sultans, wurde vom Hofe verbannt» der MuftiBostanfade ward seines Amtes entsetzt. Sinan, der Großwesir, der alle diese Befehle ausführen mußte, lebte in Angst und Sorge, daß auch ihn das Geschick der Andern erreichen möchte. Zu seinem Glücke kamen schlimme Nachrichten von der Grenze. Der Woiwode der Wallachei, Michael, mit Recht „der Tapfere", aber auch „der Treulose und Grausame" beigenannt, hatte sich gegen die „hohe Pforte" empört und Erfolge auf Erfolge errungen. Da zog Sinan mit der heiligen Fahne des Propheten gegen die Wallachei aus. In blutigen Schlachten, in welchen die drei Paschas Haider, Hussein und Mustapha umkamen und Sinan selbst das Leben beinahe verloren hätte, besiegte er den aufrührerischen Vasallen; Bukarest wurde erobert, die Kirchen wurden in Moscheen verwandelt, auf den Thürmen der vergoldete Halbmond befestigt, die Fürstenburg des Woiwoden wurde in eine Citadelle umgewandelt. Alle diese erfreulichen Nachrichten machten nicht den geringsten Eindruck auf den Sultan, der stille vor sich hinbrütend, in seinem Gemache saß und nach der verlorenen Rose von Salonichi jammerte.