Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1878)
- Date
- 1878-04-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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„Lieber Abivser! waren verschlossen. Da zog er ein Pistol, daS er in seinem Gürtel trug und stellte sich vor Esther, um Jeden mederzuschießen, der sich ihr nahen würde. Jetzt drangen die Kämpfenden in den Saal, voran Omar, der sofort auf Hanna losstürzte. „Da ist sie." schrie er, „die Jüdin, die Zauberin, die den Padischa verzaubert hat!" Er packte sie an. „Jetzt, Püppchen, wirst Du mir nicht ent- . rinnen," rief Omar. Hanna streckte flehend die Arme vor. Da hieb Omar mit seinem Säbel ihr beide Arme ab; Hanna stieß jenen furchtbaren Schrei aus, der bis in die Gemächer der Valide drang. Wie blutgierige Hyänen stürzten die Sipahi auf Hanna zu und zerrissen sie in Stücke. Esther, ihr Vater, ihr Oheim und Rabbi Salomon waren bis an das andere Ende des großen Saals geflüchtet und sahen mit Entsetzen den grauenhaften Vorgang. Da eilte ein Eunuch auf Rabbi Salomon zu. „Esfendi", svrach er, „ich rette Dich, ich bin Hassan, der Eunuch, dem Du das Leben gerettet, als ick zu Tode erkrankt war. Allah belohnt heute Deine ärztliche Kunst." Der Eunuch drückte an eine Feder; eine Tapetenthür öffnete sich. „Folgt mir!" flüsterte Hassan. Hassan'schlüpfte hindurch; ihm folgte Rabbi Salomon, die halbohnmächtige Esther tragend; dann kamen der Chacham und Don Rüben. „Schließt die Thüre!" rief Hassan. Don Reuben schloß die Thüre. „Ihr seid gerettet," sagte Hassan. „Keiner von den Aufrührern kann die Thüre kennen oder die Feder wiederfinden. Folget mir." Sie befanden sich in einem engen dunklen Gange und tappten Einer hinter dem Andern her. Als man an dem Ende des Ganges angelangt war, drückte Hassan wieder an eine Feder; eine Thüre öffnete sich, und das volle Tageslicht strömte herein. Man befand sich an einem Theile des großen Gebäudes, der nach einer der stillsten und entlegensten Straßen Constantinopels seinen Ausgang hatte. „Guter Hassan," sprach Signor Salomon, „Gott möge Dich belohnen! Du hast vier Menschenleben gerettet. Jetzt vollende Dein Werk. Schließe die Thür wieder und laß uns in diesem dunklen Gange warten. Du aber gehe in mein Haus zu Abiöser, meinem Diener, und bringe ihm das Täfelchen, auf das ich einige Worte schreiben werde, dann kehre mit ihm hierher zurück. Rabbi Salomo nahm seine.Schreibtafel und schrieb Fol- .gendes: „Wir sind durch Gottes Hilfe soeben einer großen Gefahr entgangen. Laß sofort meinen Wagen anspannen und fahre mit dem Ueberbringer hierher. Nimm meine wichtigsten Papiere, mein Geld und meine Diamanten mit Dir; denn ich werde nicht nach Hause zurückkehren. Mein Hau- und mein ganzes Besitzthum schenke ich Dir. Eile, Abiöser, mein und meiner Lieben Leben hängt von Deiner Eile ab. Salomon Aschkenasi." Der Eunuch nahm die Schiefertafel und eilte von dannen. Zwei qualvolle Stunden brachten die Gequälten in dem engen, finstern Gange zu. Da öffneten sich die Thüren ihres Kerkers. Der Eunuch geleitete die Befreiten bis an das Thor des Hofes, das ohne Schildwache war; denn alle Schildwachen hatten aus Furcht vor der Rache des Sultanihren Posten verlassen. Hier hielt der Wagen Salomo's neben dem Abiöser stand. Rabbi Salomo umarmte den Eunuchen; eine Geldsumme, die er ihm bot, schlug dieser aus. Der Wagen fuhr davon, dem Hafen zu, wie es Rabbi Salomo angeordnet hatte. Unter den vielen Schiffen, die dort lagen, war ein Kauffarthei-Schiff gerade bereit, nach Malta abzufegeln. / „Einerlei wohin!" sagte Rabbi Salomo und zahlte den Fahrpreis für vier Personen. Dann schrieb er einen Brief an den Chacham Baschi, in welchem er seinen Diener Abieser zum Erben seines Hauses nebst allem Zubehör einfetzte. „Ich werde es für Euch veräußern," sprach der treue Diener. „Gebt mir Nachricht, und ich komme zu Euch, um Euch den Erlös zu bringen." Eine Stunde nachher verließ das Schiff den Hafen von Constantinopel. Die drei Männer und Esther standen auf dem Verdecke, und der Chacham Amram Mordechai sprach mit lauter Stimme: „Gelobt sei Gott, der uns aus allen Gefahren gerettet hat bis hierher." „Amen", sagten die Andern. Esther aber sprach laut weinend: „Arme Hanna, hast für mich sterben müssest!" Der Wind blähte die Segel, und das Schiff fuhr schnell dahin über das von den Sonnenstrahlen vergoldete Meer. „Jetzt sind wir der größten Gefahr entronnen" sprach Don Rodrigo. „Der größten," sagte Rabbi Salomo, „aber noch nicht allen. Wenn der Sultan erfahren wird, daß Esther dem Tode entronnen, wird er sie suchen lasten in allen Ländern der Erde, und nicht eher