Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-04-10 · Heft 15 (10.4.1878) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 15 (10.4.1878)
Date
1878-04-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447763--14817-2470741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

379 lichem Lächeln, daß man anvertrautes Gut noch mehr schützen müsse als eigenes. Es war an einem Sabbatnachmittag, Dämmerung nahte. Am Tische, über einen Folianten geneigt, saß der alte Grün in seinem Lehnsessel, während ein paar blühend schöne Kinder im Alter von fünf und acht Jahren am entgegengesetzten Ende des Zimmers ihre muntere Spiele trieben. Sie waren heiter, scherzten und lachten, aber doch nicht überlaut und stets bedacht, den Großvater nicht zu stören. Endlich schlug dieser den Folianten zu, und, als hätten sie nur auf dieses Zeichen gewartet, brachen die Kinder in noch größeren Jubel aus, sprangen auf ihn zu und überhäuften ihn mit ihren Liebkosungen. Voll inniger Liebe schaute der Alte nieder auf die sich an ihn schmiegenden Kleinen, während ein schmerzlicher Seufzer seine Brust hob. „Sind wir brav gewesen, Großpapa?" fragte das Jüngste der beiden Kinder, ein liebliches Mädchen mit hellblonden Locken und großen dunkeln Augen, „haben wir Dich nicht gestört?" „Ganz brav seid Ihr gewesen", erwiederte der Alte und ließ seine hageren Finger durch dar Seidenhaar des Kindes gleiten. „Ihr seid meine lieben braven Kinder, aber meine kleine Selma scheint schon schläfrig zu sein, soll Susanne Dich zu Bette bringen?" „Nein, nein, erst muß ich Hawdoloh hören", rief die Kleine eifrig „und ich bin auch gar nicht schläfrig", fügte sie betheuernd hinzu, indem sie sich bemühte, die Augen recht weit aufzureißen. „Es wäre kein Wunder, wenn Selma schläfrig wäre", bemerkte ihr um drei Jahre älterer Bruder, „sie hat heute Morgen sehr zeitig gewacht, noch zeitiger als ich. Denke Dir nur, Großpapa, sie hat mich ja heute geweckt und wollte durchaus, daß ich mit ihr hinunter in den Garten gehe, weil der ganze Garten voll mit Manna wäre, gerade so wie es der liebe Gott in der Wüste für die Kinder Israel hat fallen lassen." „DaS war auch wahr", rief die Kleine, durch diese Erinnerung wieder ganz munter geworden, „und ich wäre so gern hinunter gegangen und hätte davon gesammelt. Du hast uns ja erzählt, es wäre so süß gewesen wie Honig, aber Hugo hat eS nicht leiden wollen; er hat gesagt, es wäre gar kein Manna und wenn es welches wäre, dürften wir es am Sabbat nicht aufnehmen." „Da hat Hugo sehr Recht gehabt", erwiederte der Großvater, „doch eS wird bald Nacht und daher Zeit, in die Synagoge zu gehen. Seid nur weiter hübsch brav, Kinder, und wenn Susanne Licht anzünpet, so rührt es nur nicht au, dann darf Selma die Hawdolohkerze halten und Hugo mit mir Wein trinken." Die Kinder versprachen folgsam zu sein und eilten zum Fenster, dem sich entfernenden Großvater nachzusehen. Unten auf der Straße wurden z eben die Gasstammen in den Laternen angezündet; die Kinder freuten sich an den nacheinander aufflammenden Lichtern, da ertönte plötzlich ein schwacher Trommelwirbel. „Selma, Selma! sieh nur wie der Affe die Trommel schlägt." „Ach, wie schön! wie schön! wenn er nur nicht herunter fallt." „Wo denkst Du hin", lachte Hugo, „die Affen fallen nicht so leicht. Doch weißt Du was, Selma, bleib' Du hier am Fenster, ich laufe nur einen Augenblick hinunter, um den Affen in der Nähe zu sehen." „Nein. nein, Hugo, thue das nicht", bat die Kleine, „Du weißt nicht, ob Großpapa es erlaubt." „Ach was, warum sollte Großpapa es nicht erlauben? ich bin gleich wieder oben" und fort sprang er die Stiegen hinunter. Einige Minuten schaute die Kleine noch hinunter auf den interessanten Affen, sie sah noch, wie Hugo hinaustrat, auf die Straße; dann überwältigte sie die Müdigkeit auf's Neue, sie setzte sich auf den Fußschemel. auf dem sie bisher gestanden, lehnte ihr Köpfchen an den dicht daneben stehenden Sessel, und bald verriethen ihre regelmäßigen Athemzüge, daß sie entschlummert. Einige Minuten waren verstrichen, da öffnete sich die Thür; ein schon ziemlich bejahrtes Frauenzimmer mit einem Lichte in der Hand trat in'S Zimmer. „Wo seid Ihr denn, Kinder?" rief sie hinein, und als ihr keine Antwort ward, ließ sie die Gasflammen aufleuchten und gewahrte bei dem hellen Schein derselben das schlafende Kind am Fenster. „Ah. da ist ja unsere liebe Selma", flüsterte sie lächelnd, und sorgsam nahm sie die Kleine i« ihre Arme und bettete sie aufs Kanapee. „So Liebchen", sprach sie halblaut, „so wirst Du besser ruhen. Aber wo mag nur Hugo sein?" fügte sie hinzu, „sollte sich der Schelm irgendwo versteckt haben?" Sie durchsuchte das ganze Zimiver, leuchtete hinaus auf den Eorridor, doch umsonst; der Knabe war nicht zu finden. „Er wird vielleicht mit dem Großpapa in die Synagoge gegangen sein", beruhigte sie sich selbst, und nachdem sie einen Sessel vor das Kanapee gestellt hatte, auf dem die Kleine schlum-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.